Frankreich per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Karlsruhe - Geneve, Anreise

Am Bahnhof in Karlsruhe

Das Wetter war dieses Frühjahr und den Sommer bisher ungewöhnlich kalt und nass. Die letzten zwei Tage war es schwül und heiß, mit heftigen Gewittern in der Nacht. Wir hoffen sehr, das uns das Wetter auf unserer Reise gut gesonnen ist. In Karlsruhe ist es heute 25°C warm und bis auf einen Schauer trocken.

Mit dem Zug geht es nach Basel. Das Fahrradabteil ist schon gut gefüllt. Mit uns steigen noch 4 Radfahrer ein, die eine Tour rund um Freiburg machen wollen. Das Umsteigen in Basel funktioniert stressfrei. Mit dem ICN (Intercity Neigezug) geht es über Biel nach Genf. Der Zug ist recht leer. Die Strecke verläuft entlang der deutsch-französischen Sprachgrenze innerhalb der Schweiz. Die Ansage des nächsten Bahnhofs erfolgt entsprechend der Sprachregion in deutsch oder französisch.

Um Punkt 15:45 Uhr kommen wir in Genf an. Pardon, die Stadt ist französischsprachig, daher muss es natürlich Geneve heißen. Der Himmel ist bedeckt, es ist trocken und etwa so warm wie daheim. Die Jugendherberge ist schnell gefunden. Das große Haus ist sauber, die Räder können wir sicher in der Tiefgarage abstellen, die Taschen in großen Spinden wegschließen.

Zu Fuß erkunden wir die zweitgrößte Stadt der Schweiz. Da wir nur Reiseführer für Frankreich dabei haben, verlassen wir uns ganz auf unser Gespür. Erstes Ziel ist der Lac Léman (Genfer See) und der Jet d'eau. Der Springbrunnen wurde ursprünglich als Überdruckventil für die 1885 erbaute Druckwasserleitung angelegt und war nur wenige Meter hoch. Seit 1951 stoßen zwei Pumpen 500 Liter Seewasser pro Sekunde aus. Die bis zu 140m hohe Fontäne ist heute eines der Wahrzeichen von Geneve. Rund um die Fußgängerzone fallen uns viele Juweliere und teure Uhrengeschäfte auf. Überhaupt haben wir den Eindruck, dass man es in Geneve edel und teuer mag. Weiter südlich schließt sich das recht interessante Altstadtviertel rund um die Cathédrale Saint-Pierre de Geneve (Kathedrale Sankt Peter) an. Hier gibt es viele gut besuchte Kneipen und Cafés. Die Menschen tragen vielfach Anzüge und schicke Kleider. Lifestyle-Accessoires von Apple und Co. sind weit verbreitet.

Zwischendurch melden sich unsere leeren Mägen. Bisher haben wir nur einen türkischen Imbiss und eine handvoll Bäcker gesehen. Wir entscheiden uns für einen Döner. Der ist aber weder gut noch wirklich sättigend. Also holen wir noch Brötchen beim Bäcker. Die sind gut und günstig. Zurück im Altstadtviertel entdecken wir einen kleinen Supermarkt, bei dem wir noch Bananen kaufen. So werden wir am Ende doch noch satt.

Geneve - Chene-en-Semine, 91 km, 1400 Hm

Ein durchwachsener Start mit "Tapetenkleister" zum Abendbrot.

Die Nacht war eher laut. Das lag einerseits an den Straßengeräuschen, die ohne Unterlass von draußen reinkamen. Ein Schnarcher auf unserem Zimmer hat sein übriges getan. Morgens erwacht das Haus recht früh zum Leben, gut wahrnehmbar an klappenden Spind- und Klotüren. Der Übernachtungspreis beinhaltet ein Frühstück. Am Nachbartisch hat jemand Geburtstag, eindeutig erkennbar am dudeln einer Geburtstagskarte.

Die Fahrt aus Geneve heraus verläuft stressfrei. Es ist bedeckt und etwa 17°C warm. In Frankreich geht es auf der D15 bald recht knackig bergauf. Den ersten Stopp legen wir am kleinen Supermarkt in Mornex ein. Hier können wir wieder in Euro bezahlen, günstiger als in der Schweiz ist es obendrein.

Pont Charles-Albert nahe Allonzier-la-Caille

Auf der D15 geht es Richtung Süden. Anfangs überholen uns regelmäßig Autos. Mit der Zeit wird der Verkehr weniger, die Steigung flacher und die Landschaft schöner. Im Osten erhebt sich die bis zu 1832m hohe Tete du Pramelan. Der Mont Saleve im Westen ist für uns trotz seiner unmittelbaren Nähen - oder womöglich gerade deshalb - kaum wahrnehmbar. Wir hören Grillen und Vögel. Die Autofahrer nehmen durchweg Rücksicht, was das Radeln sehr angenehm macht.

Zwei Kilometer vor Allonzier-la-Caille überspannt der Pont Charles-Albert in 145m Höhe die Caille-Schlucht. Die im Jahr 1839 errichtetet Brücke ist heute eine Touristenattraktion. Die vielbefahrene D1201 überwindet die Schlucht auf einer parallel verlaufenden Spannbetonbrücke. Gut für uns, dass es nach Allonzier-la-Caille bergab geht.

Über Mandallaz und Ferriese geht es auf kleinen, ruhigen Nebenstraßen durch eine ländliche Gegend. Es hat sich auf 23°C aufgewärmt und die Sonne zeigt sich gelegentlich durch die Wolkendecke. In Sillingy finden wir nahe der Kirche einen Platz für die Mittagspause. Ein Baguette und ein Camembert stillen unseren Hunger. Wir schaffen es nacheinander uns in den linken Mittelfinger zu schneiden.

Nach der ausgiebigen Pause geht es entspannt und sehr wellig weiter - jetzt nach Westen. Kurz vor erreichen der D910 müssen wir die Räder durch eine Straßenbaustelle schieben. Gut das heute Samstag ist, an einem Wochentag hätten wir womöglich einen Umweg fahren müssen. Mit der schweren, nassen Erde an Reifen und Schuhen können wir ganz gut leben. Die Landschaft wechselt zwischen Weiden, Getreidefeldern, Obstplantagen (vor allem Äpfel) und Wäldern. Im Hintergrund immer wieder die Konturen von Bergen. In kurzen Abständen geht es durch kleine Orte und Weiler. Beim Übergang D31 nach D331, einer Senke, verklemmt sich mein Umwerfer. Dabei verdreht er sich. Um wieder fahren zu können müssen wir ihn vor Ort richten. Das gelingt uns recht gut, trotzdem läuft die Kette nicht ganz sauber.

Unser erster Eindruck vom Campingplatz bei Chene-en-Semine ist alles andere als gut. Wir sehen erstmal nur runtergekommene Dauercamper, funktionierende sanitäre Anlagen suchen wir lange vergebens. Da morgen Sonntag ist, brauchen wir auch noch eine Möglichkeit Lebensmittel zu kaufen. In den kleinen Orten haben wir keine Läden gesehen. Mit der Zeit bessert sich das Bild. Jörg erfährt, dass es in der Nähe einen Supermarkt gibt. Ich nehme mich noch mal meines Umwerfers an. Wir kochen auf der Tischtennisplatte unsere Nudeln. Auch wenn Konsistenz und Geschmack eher an Tapetenkleister erinnern, es macht mehr als satt. Acht Polen spielen "Fußball-Tennis". Das Netz hat die Höhe eines Tennisnetzes. Wie beim Volleyball geben die Spieler einer Mannschaft den Ball untereinander weiter, bevor sie ihn wieder übers Netz spielen. Gespielt wir wie beim Fußball mit Fuß und Kopf. Erst sieht es ulkig aus. So nach und nach verstehen wir die Regeln und merken, das die Jungs das können. Wie nehmen an, das sie als Erntehelfer in der Gegend arbeiten. Als dann die Duschen noch warm sind ist die Welt völlig in Ordnung und wir verkrümeln uns zufrieden in unser Zelt.

Chene-en-Semine - Lac de Coiselet, 77 km, 1400 Hm

Einmal Schockfrosten und wieder auftauen, bitte.

Des Morgens ist der Himmel mehr blau als grau. Es ist knapp 23°C warm. Beim Frühstück ein Experiment. Wie schmeckt Kaffee, wenn ein Kaffeepad wie ein Teebeutel mit Wasser übergossen wird und dann eine Weile zieht. Antwort: richtig gut.

Nach einem kurzen Anstieg geht es bergab zur Barrage de Génissiat. Eine schöne Abfahrt durch Wald, bei der wir einen kurzen Blick auf das große Umspannwerk erhaschen. Die 1948 fertiggestellte Gewichtsstaumauer der Talsperre Génissiat ist 104m hoch, 164m lang und staut die Rhône zu einem 20 Kilometer langen See. Für den Besucher gut zu erkennen sind die sechs Francis-Turbinen und der große Überlaufkanal. Nach einem kurzen Aufenthalt geht es auf der anderen Talseite eine ganze Weile den Berg rauf.

Camping du Lac de Coiselet

Den ersten größeren Berg unserer Tour, den 1178m hohen Col de Cuvery (Col = Pass), nehmen wir vom 500m hoch gelegenen Ochiaz aus in Angriff. Die kleine Straße ist ruhig und führt durch schönen Mischwald. Gelegentlich passieren wir eine Viehweide. Die Steigung beträgt etwa 5 - 7%. Zu unserer Freude kommen wir recht locker den Berg rauf. Auf dem Weg nach oben sind wir freudig überrascht, als erst ein Autofahrer aus der Schweiz und eine Weile später eine Gruppe Kinder uns applaudieren. Bis zum Aussichtspunkt bleibt es - bis auf ein leichtes Tröpfeln - trocken. Am Pass gibt es einen großen Parkplatz und ein Café. Wir ziehen Windwesten und Armlinge für die Abfahrt an. Und wir werden beides dringend brauchen. Auf der Westseite des Cret du Nu Höhenzugs stauen sich die Wolken. Das Thermometer zeigt lausige 13°C an. Die Sicht liegt bei kaum 30m. Mit andern Worten wir sind mitten in den Wolken. Die Straße verläuft noch eine Weile auf dem Sattel in über 1100m, bevor es bergab geht. Es ist schon etwas abenteuerlich bei dieser schlechten Sicht den Berg runter zu fahren, denn nicht nur die Schönheit der Landschaft, sondern auch den Verlauf der kurvigen Straße können wir nur erahnen.

Unten in St-Germain-de-Joux (520m) sind wir gut durchgefroren. Die Kirchenglocken schlagen 1 Uhr. Ein Café in dem wir uns aufwärmen könnten gibt es leider nicht. So kochen wir auf dem kleinen Platz neben der Kirche Kaffee. Die kalten Finger wärmen wir schon beim Wasser kochen auf. Auch die Sonne kommt wieder raus und das Thermometer zeigt angenehme 23°C an. Nach einer halben Stunde ist wieder Leben in Arme und Hände zurückgekehrt.

Die Strecke nach Échallon führt abermals durch einen schönen Mischwald. Es geht noch mal hoch auf 960 m. Ein Rennradfahrer überholt uns, kommt aber nicht wirklich weg. Auf der Abfahrt nach Oyonnax ist die Straße feucht, lässt sich aber gut fahren, auch da es längere gerade Abschnitte hat.

Oyonnax, das als Zentrum der Kunststoffindustrie beschrieben wird, hat nichts, dass uns zum Verweilen bewegen könnte. Auf einer breiten Straße geht es nach Norden und dann auf einer schnellen kurvigen Abfahrt nach Dortan. Wir sind froh diese verkehrsreiche Straße so schnell hinter uns lassen zu können.

Nach ein paar weiteren Kilometern durch das ruhige Tal der Bienne erreichen wir den Camping du Lac de Coiselet am Nordende des Coiselet Sees. Es ist 16 Uhr und die Sonne scheint. Gleich der erste Eindruck ist super. Vier Männer spielen Boule. Der Boule-Platz vor der Anmeldung ist mit Flutlicht und Spielstandszähler ausgestattet! Es ist sauber und ordentlich. Unser Zelt steht in Sichtweite einer 400m hohen senkrechten Felswand. Wir haben einen eigenen Zugang mit Steg zum See. Ich lasse es mir nicht nehmen gleich mal rein zu hüpfen und eine Runde zu schwimmen. Es bleibt sonnig und warm. Wir sonnen uns und genießen den Ausblick über den See. Das haben wir beiden heute Mittag noch nicht für möglich gehalten.

   

Lac de Coiselet - Saint-Maurice-de-Gourdans, 88 km, 500 Hm

"Flussfahrt" entlang der Ain.

Am Morgen hängen Wolken in den Bergen, sehen aber nicht "bedrohlich" aus. Wir sind kaum fertig mit dem Frühstück, da fängt es erst an zu tröpfeln und steigert sich zügig zu einem heftigen Regenschauer. Wir machen schnell das Zelt dicht und "flüchten" in die Duschen. Eine halbe Stunde regnet es wie aus Eimern. Wie überlegen schon ob wir ein Boot brauchen, um wieder zu unserem Zelt zu gelangen.

Viaduc de Cize-Bolozon

Als wir aufbrechen, sind wir auf weitere Schauer eingerichtet. Es geht auf einer kleinen, wenig befahrenen Straße an der westlichen Seite des Lac de Coiselet entlang. In den Bergen links und rechts hängen noch Wolkenreste. Schon bald trocknet die Straße ab und wir ziehen die Regenjacken aus. Die Landschaft ist schön anzuschauen. Zu beiden Seiten des Sees erheben sich bis zu 400m hohe, bewaldete Berge. Wo Platz ist, wird zwischen See und Bergen Landwirtschaft betrieben. Die Straße verläuft durchaus wellig. Immer wieder geht es 10m rauf, 10m runter. Die Barrage de Coiselet ist der erste von drei Staudämmen, die wir heute passieren, mit denen die Ain zur Energiegewinnung genuztz wird.

In Thoirette versorgen wir uns mit Lebensmitteln. Von nun an folgen wir dem Fluss Ain auf der linken (östlichen) Seite. Die Landschaft und das Wetter werden zunehmend schöner, der Verkehr ist weiterhin vernachlässigbar gering. Am Viaduc de Cize-Bolozon legen wir eine Keks-Pause ein. Es folgt der schönste Teil der Strecke. Die Berge rücken enger zusammen und fallen zum Teil senkrecht ab. Wir durchfahren die Gorges de l'Ain, die Schlucht des Ain.

Unsere Mittagspause legen wir in Neuville-sur-Ain ein. Die historische Brücke über den Ain und die alten Häuser am Flussufer sind ganz nett anzusehen. Weiter geht es auf der D984 nach Südwesten. Die Strecke führt durch Felder und Wiesen. Die Orte die wir durchqueren sind wenig aufregend. Die Straße ist in weiten Teilen eine Allee und lässt sich gut fahren. Sonderlich aufregend ist dieser Abschnitt nicht. Der Verkehr ist mal weiterhin sehr gering.

Bei Gevrieux, als wir schon nicht mehr damit gerechnet haben, fängt es wieder an zu regnen. Sauerei! Wir stellen uns eine viertel Stunde in einem Bushäuschen unter. Zwei Rennradfahrer kommen vorbei. Der leichte Landregen lässt bald immer mehr nach und wir fahren weiter. Im nächsten Bushäuschen stehen die beiden Rennradfahrer. Die Landschaft bleibt landwirtschaftlich geprägt, nichts verrät, dass es nur noch 30 Kilometer bis Lyon sind.

In Saint-Maurice-de-Gourdans stehen wir um 16 Uhr verblüfft vor einem geschlossenen Supermarkt. Wir fragen uns allmählich wann die Franzosen einkaufen. Der Campingplatz ist sauber und recht groß. Wir finden ein Plätzchen mit Tisch in der Nähe des Boule-Feldes. Dann fängt es noch mal an zu regnen. Nach einer viertel Stunde ist es wieder vorbei. Da es warm ist, trocknet alles schnell ab. Beim Abendbrot scheint die Sonne als wäre nichts gewesen.

Saint-Maurice-de-Gourdans - Yenne, 86 km, 790 Hm

Ein nasser Tag.

In der Nacht hat es angefangen zu regnen. Zum Frühstück setzen wir uns unter einen Pavillon, der gerade nicht genutzt wird. Eine kurze Regenpause reicht gerade um das Zelt abzubauen. Als wir losfahren nieselt es bereits wieder. Der Himmel präsentiert sich in allen Variationen von Grau. Von Aschgrau über Taubengrau und Mausgrau bis Rauchgrau ist alles vertreten.

Le Fer a Cheval in Yenne

Heute morgen hat der Laden in Saint-Maurice-de-Gourdans tatsächlich geöffnet, so dass wir unsere Vorräte auffüllen können.

Auf der D65 nach Loyettes ist reger Verkehr. Nach der Überquerung der Rhône geht es auf ruhigen Nebenstraßen ostwärts und ab Leyrieu am Westrand der Mont d' Annoisin Hügelkette entlang nach Süden. Der Regen nimmt zu. Ein Genuss der Landschaft ist bei diesem Wetter kaum möglich. In Crémieu wärmen wir uns in einem kleinen Straßencafé an einem Kaffee auf. Unsere Räder stellen wir in der großen Markthalle aus dem 15. Jahrhundert ab. Für die vielen alten und liebevoll restaurierten Häuser haben wir keine Muße.

Die Strecke nach Moras führt über kaum befahrene, kleine Straßen einen Hügel hinauf. Der Regen variiert in der Stärke von leichtem Niesel bis starkem Niesel. Dieser fällt aus tiefen Schichtwolken, auch Stratuswolken genannt. Die Gegend ist landwirtschaftlich geprägt, aufgelockert durch einige Wälder und Seen.

Als wir in St. Chef Mittag machen, hört es fast auf zu regnen. Wir holen uns beim Bäcker frisches Baguette und setzen uns in den überdachten Eingang des Gemeindehauses. In einem Anflug von Optimismus ziehe ich meine Regenjacke aus. Wir haben noch keine 300m bergauf auf der kleinen und ruhigen D143 nach Montcarra zurückgelegt, da habe ich sie wieder an. Bei vielen Gebäuden an der Strecke ist der Übergang von pittoresk zu baufällig fließend.

Wir überqueren abermals die Rhône. Jetzt wird die Strecke richtig schön. Der wasserreichste Strom Frankreichs zwängt sich hier durch die Bois de Glaize, ein Felsmassiv, das bis zu 700m über Rhôneniveau aufragt. Wir können die Berge in der Suppe zwar nur erahnen, schön ist es trotzdem.

Die letzten Kilometer bis Yenne legen wir auf der viel befahrenen D1054 zurück. Nach der Wasserschlacht ist uns nach einem trockenen Plätzchen zu mute. Ohne viel suchen stoßen wir auf das Le Fer a Cheval, eine nette Pension mit 12 Zimmern. Die Räder können wir im Schuppen hinterm Haus trocken parken. Das Zimmer ist groß und hat zwei Doppelbetten. Schnell ist alles mit nassen Sachen "dekoriert". Der Wetterbericht zeigt eine große Tiefdruckzone über ganz Südfrankreich, die langsam nordwärts zieht.

Yenne - Saint-Pierre-de-Chartreuse, 92 km, 1750 Hm

Der zweite Regentag in Folge.

Des Morgens müssen wir erstmal das Zelt abbauen, das wir zum Trocknen im Zimmer aufgebaut hatten. Auch die Schlafsäcke, Handtücher und Schuhe sind wieder trocken. Draußen regnet es. Gegen nasse Füße schmieren wir die Schuhe dick mit Vaseline ein.

Auf der D921 geht es nach Lucey. Zu unserer Rechten liegen die 1100m hohen Mont de la Charvaz, die wir als nächstes überqueren werden. Der Anstieg nach Saint-Pierre-de-Curtille und weiter zum rund 650m hohen Pass führt steil durch eine schöne, von Wald und Bergen geprägte Landschaft. Wie herrlich die Aussicht auf den Lac du Bourget und die dahinter liegenden knapp 3000m hohen Berge der Chaîne de Belledonne ist, können wir nur erahnen. Wie gestern liegt alles in einer dicken Regensuppe. Das Thermometer zeigt gerade mal 14°C an. Nicht gerade das Wetter, an das man bei einem Urlaub in Südfrankreich denkt. Die D914 verläuft gut 6 Kilometer oberhalb es Sees, bevor es in einer kurvigen Abfahrt hinunter geht nach Bourdeau.

Gorges du Guier Mort

In Le Bourget-du-Lac wärmen wir uns in einem Café auf. Es ist kurz vor zwölf und die Tische werden bereits für die Mittagsgäste vorbereitet. Alle Tische sind reserviert, auch unserer. So müssen wir bald Platz machen. Um etwas abzutrocknen und warm zu werden hat es aber gereicht.

Weiter geht es nach Chambery. Die Fahrt von Norden in die Innenstadt zieht sich. Der Verkehr auf der Straße kann uns egal sein, da wir die gesamte Strecke auf gut ausgebauten Radwegen zurücklegen. Es ist weiterhin regnerisch und kalt. In der Nähe der Uni finden wir eine Pizzeria, die sich preislich auf das schmale Budget von Studenten eingestellt hat. Auch die Qualität kann uns Aushilfsgourmets voll überzeugen. Außerdem gibt es eine Heizung, die etwas Wärme spendet.

Auf dem Weg nach Bellecombette regnet es mal kurz nicht. Das Intermezzo währt aber nicht lange, kaum haben wir die D1006 erreicht wird es schon wieder feucht von oben. Der Verkehr ist noch im grünen Bereich. Von den Bergen der Chartreuse zu unserer Linken können wir leider nicht viel sehen.

Über Saint-Christophe-la-Grotte und Saint-Christophe-sur-Guiers geht es auf ruhigen Nebenstraßen nach Saint-Laurent-du-Pont. Auch landschaftlich hat dieser Abschnitt wieder etwas zu bieten. Hinter den Dörfern und Wiesen erhebt sich eine rund 200m hohe, nahezu senkrechte Felswand aus weißem Kalkstein. In Saint-Laurent-du-Pont werden wir nicht glücklich. Der ohnehin recht starke Verkehr wirkt durch eine Baustelle und den Regen noch chaotischer. Die Bäcker und Geschäfte haben alle schon geschlossen.

Der Schlussanstieg führt uns durch die Gorges du Guier Mort in den 905m hoch gelegenen Skiort Saint-Pierre-de-Chartreuse. Der Fluss Guries Mort hat hier eine enge Schlucht ausgewaschen. Die Straße ist eingekeilt zwischen dem Abgrund, in dem der Fluss tost, und den nahezu senkrecht aufragenden, bewaldeten Felswänden. Eine wahrlich spektakuläre Szenerie. Und zur Feier des Tages hat es auch noch aufgehört zu regnen. Etwa 1,5 Kilometer bevor wir die D512 erreichen, passieren wir den Abzweig zum la Grande Chartreuse. 1084 errichteten Bruno von Köln und sechs Gefährten dort eine Einsiedelei mit kleinen Holzhäuschen und einer Kirche aus Stein. Diese erste Kartause ist bis heute das Mutterkloster des Kartäuserordens.

Saint-Pierre-de-Chartreuse ist auf Ski- und Wandertouristen eingerichtet. Abgesehen von einer Bausünde, hat es seinen dörflichen Charakter bewahrt. Wir kommen im kleinen Hotel Victoria (9 Zimmer) unter. Unser Zimmer hat einen Balkon mit Blick auf den Dorfplatz und die Berge. Die Einrichtung ist aus Massivholz. Da Bäcker und Supermarkt noch geöffnet haben, kommt auch das leibliche Wohl nicht zu kurz.

     

Saint-Pierre-de-Chartreuse - Choranche, 86 km, 1500 Hm

Ein Wechselbad der Temperaturen und der Gefühle.

Anstieg nach Villard-de-Lans

Die Zahlen des Tages sind 10, 31, 10. Am Morgen, auf der Abfahrt nach Grenoble, 10°C. Mittags in Grenoble 31°C. Nachmittags in Villard-de-Lans 10°C.

In der Nacht und am frühen Morgen regnet es zum Teil heftig. Wir lassen uns Zeit und gegen 9 Uhr hört es tatsächlich auf zu regnen. Den Anstieg zum 1326m hohen Col du Porte können wir also ohne Regenjacken in Angriff nehmen. Die Straße führt durch einen mit Felsen durchsetzen Wald. Von den Bergen rauschen Bäche ins Tal. Auf der Abfahrt nach Grenoble wird es verdammt kalt. Zum Glück haben wir warme Handschuhe dabei. Oben ist die kurvige Straße noch nass. Unten wird es trockener und die Wolkendecke zeigt immer größere Lücken.

Grenoble ist mit über 150.000 Einwohnern die größte Hochgebirgsstadt der Alpen. Sie liegt am Zusammenfluss von Isere und Drac - beide führen derzeit Hochwasser. Die Errichtung der Stadtmauer erfolgte schon 286 unter Kaiser Diocletian. Im Jahr 377 wird die Stadt in Gratianopolis (nach Kaiser Gratian) umbenannt. Seit dem 4. Jahrhundert ist Grenoble Bischofssitz. Die lange Geschichte äußert sich in einer von winkligen, engen Gassen durchzogenen Innenstadt. Wir sind ganz froh, das Radfahrer die Einbahnstraßen in beide Richtungen befahren dürfen. Die Navigation ist nicht ganz trivial und der Verkehr wirkt auf uns recht "wuselig". Beim unbedarften Kreuzen durch Grenobles Innenstadt können wir keine besonderen Sehenswürdigkeiten ausmachen - die Erkundung der Städte hatte bei unserer Planung eine geringe Priorität. Neben den Hauptstraßen verlaufen gut ausgebaute Radwege, auf denen wir Grenoble stressfrei in Richtung Vercors verlassen.

Auf einmal ist der Himmel blau und die Temperatur steigt sprunghaft an. In Fontaine gibt es einen riesigen Supermarkt. Unsere Gaskartusche ist fast leer. Die kleineren Märkte hatten keine Kartuschen mit Schraubverschluss, hier bekommen wir sie.

Wenig späten beginnt der lange Anstieg nach Villard-de-Lans - rund 800 Höhenmeter gilt es zu überwinden. Verdammt und zugenäht!!! Kaum haben wir uns an die wohlige Wärme gewöhnt, türmen sich schon wieder dunkelgraue Wolken vor uns auf. Unsere Mittagspause legen wir an der Kirche in Sassenage ein. Wir sind gerade fertig, da fallen die ersten Tropfen. Der Weg zum Bushäuschen an der Hauptstraße ist recht steil. Ich trete also kräftig in die Pedale - und knalle mit dem Knie an den Lenker. Die Kette liegt auf der Straße. Jetzt rächt sich, dass ich den Kettennieter daheim vergessen habe. Im Ort ist das beste Werkzeug, das wir bekommen können, eine Zange. Die hilft uns aber nicht wirklich weiter. Etwas geknickt stehen wir im Bushäuschen als Jörg zwei Radfahrer mit Gepäck erblickt. Mit einem beherzten Sprint holt er sie ein und kommt mit einem Kettennieter zurück. Noch mal Glück gehabt! Nach wenigen Minuten ist das Problem behoben und wir können den Aufstieg fortsetzen. Das junge französische Pärchen ist auf einem Tandem unterwegs und nicht sonderlich schnell. So schließen wir nach einigen Kilometern zu Ihnen auf und können das rettende Werkzeug zurückgeben. Die Kette wird die Tour klaglos überstehen.

Es nieselt leicht. Die Berge zu beiden Seiten sind aber noch gut zu sehen und sehr beeindruckend. Die Temperaturen sind aber wieder im Keller, in Lans-en-Vercors sind es gerade mal 10°C. Wir überlegen noch, ob wir uns eine Bleibe suchen sollen, da kommt die Sonne raus. Wir beschließen uns erstmal zu stärken.

Da die Sonne nach unserer Pause noch immer scheint, machen wir uns auf die Abfahrt durch die Gorges de la Bourne nach Choranche. Unser Optimismus wir belohnt, es bleibt trocken und streckenweise sonnig. Besonders der obere Teil der Bourne Schlucht ist spektakulär. Der Fluß Bourne tost lautstark zwischen den mehrere hundert Meter fast senkrecht aufragenden, bewaldeten Felswänden. Die Straße ist meist nur einspurig befahrbar und presst sich rechts gegen die Felsen. Vielerorts sind Überhänge in den Fels gesprengt unter denen sich die Straße durchzwängt. Als Radfahrer genießen wir es überall anhalten und Fotos machen zu können. Ein Wohnmobil hingegen muss den Rückwärtsgang einlegen, um den Gegenverkehr passieren zu lassen. Im unteren Teil öffnet sich die Schlucht zu einem weiten Talkessel mit bis zu 800m hohen senkrechten Felswänden. Durch Erosion haben die Felswände breite, flach abfallende Sockel bekommen, auf denen Bäume wachsen.

In Choranche gibt es ein schönes Gite d'etape - eine preiswerte, auf Wanderer ausgerichtete Unterkunft. Leider ist es ausgebucht. Wir bleiben optimistisch und schlagen unser Zelt auf dem Campingplatz auf. Die Aussicht ist sensationell, die sanitären Anlagen in Ordnung und der Preis von 7,10? schwer OK. Es ist spät geworden. Nach einem kleinen Imbiss und einer ausgiebigen, heißen Dusche rollen wir uns müde in unsere Schlafsäcke.

             

Choranche - Mirabel-et-Blacons, 64 km, 970 Hm

Eine ungewollt kurze Tour duchs Vercors.

Der Tag beginnt erfreulich freundlich, die Temperaturen sind angenehm. Beim Frühstück mit Aussicht kommt sogar die Sonne raus. Das hebt die Stimmung.

Das Réserve naturelle des Hauts plateaux du Vercors ist mit 170 km2 das größte Naturschutzgebiet Frankreichs. Es ist geprägt von Wäldern, Hochwiesen, Kalkplateaus und Steilhängen. Berühmt ist der Vercors für seinen einzigartigen Reichtum an Orchideen. Etwa 60 Arten kommen im Gebiet vor, darunter der Frauenschuh. An den Steilhängen leben unter anderem Steinadler, Wanderfalke, Uhu und Alpensegler.

Pont-en-Royans

Auf der Abfahrt nach Pont-en-Royans überholt uns eine Gruppe Rennradfahrer. Sie kommen, wie sich herausstellt, aus Neuseeland. Die Fahrt führt weiterhin durch das aufregende Tal der Bourne, das nach einer Weile wieder schmaler wird. Pont-en-Royans ist ein besonders schöner Ort - die Häuser sind direkt am Flussufer auf den Felsen errichtet, einige Balkone hängen in luftiger Höhe über der Bourne.

Bis Saint-Jean-en-Royans spricht alles für einen perfekten Tag. Wir nutzen Bäcker und Markt, um Lebensmittel zu kaufen. Am Ortsausgang dann die schlechte Nachricht. Der Col de la Bataille ist geschlossen. Wir stecken die Köpfe zusammen und suchen nach einer Alternative. Wir können auf der D70 direkt nach Léoncel fahren. Aus der Fahrt durch die spektakuläre Combe Laval, auf die wir uns schon sehr gefreut hatten, wird dann aber leider nichts. Uns bluten die Herzen, aber es gibt keine andere brauchbare Alternative.

Der Kummer verzieht sich nur langsam, als wir die durchaus auch sehr schöne und verkehrsarme D70 hochfahren. Das es dann auch noch auf 14°C abkühlt und einen Schauer gibt, trägt auch nicht gerade dazu bei unsere Stimmung wieder zu heben. Die Landschaft wird bestimmt von Wald und einigen wilden Wiesen, durch die sich der noch sehr kleine Bach Laval schlängelt.

An der Kirche in Léoncel machen wir Mittag. Eine Katze leistet uns Gesellschaft. Offensichtlich mit dem Hintergedanken etwas fressbares abstauben zu können. Als wenig später ein älteres Radlerpärchen am Nachbartisch Brot und Käse auspackt, versucht sie bei ihnen ihr Glück.

Der Pass ist bei 985m erreicht. Hinter uns ist es dunkel, vor uns ist es hell. Die Abfahrt macht Laune. Je tiefer wir kommen desto stärker ist die Landschaft wieder landwirtschaftlich geprägt. Eine Imkerei erregt unsere Aufmerksamkeit. In einem kleinen Laden verkaufen sie allerlei Produkte aus Wachs und Honig. Wir kaufen einen Topf Akazienhonig.

Im Tal der Drôme erreichen die Temperaturen wieder 25°C. Der Campinplatz in Mirabel-et-Blacons ist mit Annehmlichkeiten wie Pool und Internetzugang ausgestattet. Wohin wir auch schauen erblicken wir holländische Nummernschilder. Wir befreien unsere Räder vom gröbsten Dreck und nehmen ein kurzes Bad im Pool. Für ein langes Bad ist es einfach zu frisch.