Aserbaidschan und Georgien per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Baku

Anreise mit Hindernissen

Blick von Bakus Stadtmauer auf die Flame Towers.

Auf diesem Flug scheint ein Fluch zu lasten. Die erste Airline (Aserbaidschan Airlines) war nicht in der Lage unsere Fahrräder auf den Flug zu buchen. Die zweite Airline (Ukrain Airlines) hat unseren Rückflug zwei Wochen vor der Abreise gestrichen und war nicht in der Lage uns umzubuchen. Die dritte Airline (Turkish Airlines) besteht beim Check-In darauf, dass die Fahrräder in Kisten verpackt sind1). Diese müssen wir am Flughafen in Frankfurt erst organisieren, was Zeit und Nerven kostet. Am Ende sind wir mit die Letzten, die einchecken.

Die Einreise in Aserbaidschan ist trotz Stempel aus Armenien kein Problem2). Zwei kurze Fragen warum wir dort waren (um Urlaub zu machen) und wo wir waren (überall, außer in Bergkarabach), dann heißt man uns willkommen. Leider kommen nur unsere Taschen, nicht aber die Fahrräder in Baku an. Wir tragen es mit Fassung, aber das Warten und die Verlustmeldung kosten Zeit. Zumindest hat das Taxi auf uns gewartet. So erreichen wir ohne weiteren Stress das Hotel in der Altstadt. Naja, der Fahrstiel ist schon sportlich und die Stadtautobahn wird in voller Breite genutzt.

Um 23 Uhr ist noch bestes T-Shirt-Wetter. Die Straßen sind voller Menschen, auch Familien mit kleinen Kindern sind noch zahlreich unterwegs. Die Altstadt ist sehr sehenswert. Viele Häuser in den engen, verwinkelten Gassen sind schön renoviert. Bis Mitternacht haben die kleinen Läden geöffnet. Genauso lange dauern auch die Lichtspiele auf den Flame-Towers. Die drei 190 m hohen Türme in Form von Flammen sind eine Anspielung auf den Ölreichtum des Landes. Lichter in den verglasten Fassaden "malen" mal riesige Flammen, dann die Flagge des Landes auf die Hochhäuser. Auf den Straßen sehen wir viele Katzen aber keine Hunde.

Nach einem zweistündigen Spaziergang durch die Altstadt und über die Uferpromenade hat sich der Stress etwas gelegt. Am Geldautomaten in der U-Bahn Station bekommen wir nur 100 Manat (rund 50 €). Da es drei Automaten gibt haben wir am Ende 300 Manat, was ein paar Tage reichen sollte.

1: Kisten sind ziemlich unpraktisch, wenn man mit dem Zug zum Flughafen reist. Daher polstern wir den Rahmen großzügig mit Isolierrohren ab, die im Heizungsbau Verwendung finden. Ist bisher immer akzeptiert worden - diesmal nicht.

2: Seit 1917 erheben sowohl Aserbaidschan als auch Armenien Anspruch auf Bergkarabach. Seit 1991 ist das zu Aserbaidschan gehörige Gebiet von Armenien besetzt. Entsprechend schlecht sind die Aserbaidschaner auf Armenien zu sprechen. Wegen eines Hinweises des Auswärtigen Amtes hatten wir uns auf Verzögerungen bei der Einreise eingestellt.

Vor der Stadtmauer von Baku machen zwei junge Frauen ein Selfie.  Zwei Wochen vor unserem Besuch war die Formel 1 zu Gast in Baku.  

Baku

Warten auf die Fahrräder

Traditionelle Tanzgruppe im Shirvanshah Palast.

Morgens erkunden wir die Altstadt Bakus. Die schmalen Gassen mit Häusern deren Balkone sich über der Straße fast treffen. Den Shirvanshah Palast, in dem ein Filmteam Aufnahmen einer traditionellen Tanzgruppe macht. Die Stadtmauer und kleinen grünen Parks. Die Hamams, die traditionellen Badehäuser. Die Promenade zum Kaspischen Meer. Baku ist eine schöne Stadt. Die jüngeren Leute sprechen alle Englisch. Die Frauen sind überwiegend westlich und körperbetont gekleidet. Nur geschätzt 10 % tragen ein Kopftuch.

Unsere Köpfe sind aber nicht frei. Noch haben wir nichts von unseren Fahrrädern gehört. Am frühen Nachmittag beginnen wir zu telefonieren. Dabei werden wir von Pontius zu Pilatus verwiesen. Das Problem ist, dass wir nur ein von Hand ausgefülltes Formular haben und keine File Reference Number. Aber nur mit dieser Nummer könnte im Computersystem nach unseren Fahrrädern gesucht werden. Über eine Stunde in Warteschleifen haben keinen Erkenntnisgewinn gebracht. Uns reichts! Wir setzen uns ins Taxi und fahren zum Flughafen. Dabei erwischen wir das Auto eines Aushilfs-Rennfahrers. In einem verbeulten Japaner ohne Gurte rasen wir mit weit über 100 km/h über die Stadtautobahn. Kreuzen dabei hupend von ganz links nach ganz rechts und zurück. Tacho und Tankanzeige liefern maximal grobe Anhaltspunkte. Den Soundtrack zu diesem Höllenritt liefert 90er-Jahre-Techno in ohrenbetäubender Lautstärke. Aber wir sind wirklich schnell am Flughafen. Dort werden wir gleich zum Büro von Turkish Airlines geschickt. Und was steht da? Unsere Fahrräder! Argh! Wir sind gleichzeitig erleichtert und verärgert. Ein Anruf im Hotel hätte genügt und uns wäre all der Stress erspart geblieben! Na wenigstens sind sie in Baku. Um 19 Uhr soll sie ein Lieferant ins Hotel bringen. Vor dem Terminal zerren gleich mehrere Taxifahrer an uns. Wir steigen in das unverbeulte Auto eines älteren Mannes. Während der Fahrt muss er erst mal raus finden wo unser Hotel genau liegt. Die Fahrt verläuft stressfrei, allerdings will er am Ziel 50 % mehr als vereinbart. Zu dumm, dass wir gerade jetzt das Geld nicht passend haben. Nachdem wir im Hotel den großen Schein klein gemacht haben, gibt sich der Fahrer auch mit dem vereinbarten Fahrpreis zufrieden.

Wir kommen gerade von einem weiteren Spaziergang durch die Altstadt zurück, als gegen 20 Uhr ein alte GAZ Wolga1) mit 2 großen Kisten auf dem Dach vor dem Hotel vorfährt. Endlich sind unsere Räder da! Unsere Freude schlägt bald in Verwunderung und Unverständnis um. Denn die zwei Männer rauchen, telefonieren und reden geschlagene 20 Minuten, bevor sie mit dem Abladen beginnen. Uns erschließt sich die Arbeitseinstellung und Informationspolitik nicht. Aber wir sind ja hier um Land und Leute kennenzulernen. Und da haben wir schon am ersten Tag gute Fortschritte gemacht. Wäre nur schön, wenn es auch auf die weniger harte Tour ginge.

1: GAZ 3102 Wolga: Limousine der oberen Mittelklasse der Gorkier Automobilwerke

Gasse in Bakus Atlstadt.  Blick vom Schirwanschah Palast auf die Flame Towers.   Mit einem Tag Verspätung kommen unsere Fahrräder am Hotel an.  Farbenspiel: In der Nacht 'tanzen' Lichter über die Flame Towers.

Baku - bei Cәngi 85 km, 725 hm

Bohrinseln, Ölpumpen und Schlammvulkane

Was aussieht wie ein Haufen Altmetall, pumpt unablässig Öl aus dem Boden.

Die ersten Kilometer geht es auf der verkehrsreichen, vierspurigen Küstenstraße aus Baku raus. Die Autofahrer lassen uns ausreichend Platz. So kommen wir recht stressfrei aus der Metropole raus. Am Ufer des Kaspischen Meers liegen Strandbäder. Im Meer stehen alte Bohrinseln, eine nur wenige Meter von einem Badestrand entfernt. Die Menschen scheinen die rostigen Kolosse einfach zu ignorieren. Sie picknicken am Strand und baden im Meer.

Auf einer Nebenstraße kehren wir dem Meer den Rücken. Alte Industrieanlagen prägen das Bild. Der Umweltschutz hat offensichtlich nicht die oberste Priorität, dafür sind die Farben der kleinen Seen einfach zu bunt. Für wenige Kilometer durchqueren wir ein Ölfeld, einen Wald aus alten Ölpumpen. Sie stehen in einer staubigen Ebene und auf Inseln inmitten toter Gewässer. Eine Mondlandschaft. Trotzdem faszinierend. Wir wählen den Park eines Dorfes für unsere Mittagspause - und sind nicht lange allein. Einer Gruppe Rentner lädt uns zum Tee ein. Leider reicht unser Russisch nur für einen rudimentären Austausch. Um die Herzlichkeit und das aufrichtige Interesse zu spüren, braucht es aber keine Worte.

Durch eine hügelige Steppenlandschaft geht es wieder nach Norden. Niedriges gelbes Gras mit darin verstreuten kleinen grünen Büscheln bestimmen das Bild. Weder Bohrtürme noch Ölpumpen verschandeln die Landschaft. Uns überholen etliche LKW die mit Sandsteinen beladen sind.

Am Ende unseres großen Bogens um Baku erreichen wir die M4. Die Straße die von Aserbaidschans Hauptstadt nach Westen führt, ist über weite Strecken eine Baustelle. Zwei der vier Spuren sind für viele Kilometer gesperrt. Ein unablässiger Strom an Autos und LKW rauscht an uns vorbei. Die Straße ist laut. Es wird aber nicht sonderlich schnell gefahren. Auch wird uns genügend Raum gelassen. So ist das Radfahren unterm Strich ganz OK. Wir beginnen auf der gesperrten Straßenseite zu fahren. Die ist oft schon fertig asphaltiert. Stört niemanden. So hat jeder von uns eine Spur für sich. Ein deutlicher Komfortgewinn. Einmal winken uns die Arbeiter zu. Upps! Sie wollen uns aber nur Tee und Wasser anbieten. Als wir ihnen die leeren Plastikbecher zurückgeben, fliegen die einfach in die Landschaft. Hm? Nett sind die Menschen, keine Frage. Aber mit dem Umweltbewusstsein ist es nicht weit her.

Einen guten halben Kilometer abseits der Hauptstraße verstecken sich Schlammvulkane in der spärlich besiedelten Steppe. Die Kegel sind unscheinbar, oft nur 10 bis 20 cm hoch. Kalter, mit Wasser gesättigter Schlamm wird durch aufsteigende Gase an die Erdoberfläche gepresst. Die Gase lassen den Schlamm "blubbern". Wie bei einem überkochenden Topf läuft der Schlamm über und bildet im Laufe der Zeit Kegel, die aussehen wie kleine Vulkane. Kleine Hügel in Erd- und Grautönen, die eine bizarre Landschaft formen.

Am späten Nachmittag folgen wir einem unscheinbaren Erdweg eine Hügelkette hinauf. Hinter dem Kamm sieht und hört man die M4 nicht mehr. Von unserem Zeltplatz überblicken wir ein Tal in dem es Wasser geben muss. Wie ein grünes Band schlängelt es sich durch die trockene Landschaft. Es ist absolut ruhig. Schlafsäcke sind überflüssig, selbst in der Nacht ist es noch 23 °C warm.

Nur wenige Meter vom Strand entfernt stehen alte Bohrinseln im Kaspischen Meer.   Die alten Ölpumpen sind in keinster Weise umzäunt.  Schlammvulkan  Diese bizarre Landschaft wurde von Schlammvulkanen geformt.  Schöner Zeltplatz inmitten der welligen Grassteppe.

Cәngi - bei Muğanli, 87 km, 1340 hm

Von der Steppe in die Kornkammer

Das Diri-Baba Mausoleum.

Die Baustelle auf der M4 bleibt uns auch heute den ganzen Vormittag erhalten. Die Landschaft verändert sich. Erst werden die Wiesen grüner. Dann säumen Bäume die Wiesen. Schließlich erblicken wir erste Getreidefelder und kleine Bauernhöfe. Sukzessive werden die Felder größer und zahlreicher. Gelegentlich sehen wir Obstbäume und Gemüsefelder zwischen dem Getreide. Die Straße steigt im Laufe des Tages in drei großen Wellen von 300 auf rund 900 m an. Die Sonne brennt unablässig von einem blauen Himmel. Schon am Vormittag steigt die Temperatur auf 32 °C.

In der Kleinstadt Qobustan Mәrәzә besuchen wir das Diri Baba Mausoleum. Das über 600 Jahre alte Grabmal ist halb in die umgebene Felswand gebaut. Eine steile, schmale Treppe führt in die Grabkammer. Die Wände aus massivem Sandstein isolieren erstaunlich gut. Innen ist es angenehm kühl. Die Grabkammer ist mit geometrischen Mustern verziert, die uns zwei junge Männer näherbringen. Die Zwei haben sich mit Getränken und Sitzkissen eingerichtet und scheinen Fremdenführer zu sein.

Immer mehr Dörfer säumen die Straße, die am Ende des Tages zu einer zweispurigen Allee wird. Gleichzeitig nimmt der Verkehr auf der M4 im Laufe des Nachmittags immer mehr zu. Am Ende ist es ein nahezu unablässiger Strom an Autos, der an uns vorbeirauscht. Die Polizei ist sehr präsent. Jede Stunde sehen wir mehrere Streifenwagen. Im Großraum Baku fahren sie 3er BMW.

An der Straße stehen viele Händler mit kleinen Ständen. Obst, Honig, gegrillte Maiskolben, Eingewecktes vor allem aber Wassermelonen werden nahezu alle 100 m angeboten. Letztere oft aus Kleinbussen heraus, die bis unters Dach voller Früchte sind. Am Abend gesellen sich Kinder dazu, die kleine Säcke mit Nüssen an den Mann bringen wollen. Die stehen in so kurzen Abständen beidseits der Straße, dass sie nahezu ein Spalier bilden. Einige rennen uns für einige Dutzend Meter nach. Da es bergauf geht, ist das nicht allzu schwierig. Hin und wieder stoppen wir. Einige Kinder machen dann mit ihrem Handy ein Foto von uns, andere bitten uns um Wasser. Allerdings sind wir auch schnell von 5 oder 6 Kindern umgeben und alle wollen noch immer ihre Nüsse verkaufen. Niemand ist wirklich aufdringlich, trotzdem wird es mit der Zeit anstrengend. Wir fragen uns, warum jeder für sich kämpft. Wie viel verkauft der Einzelne bei der Konkurrenz? So liebenswert die Menschen sind, sie geben uns immer wieder Rätsel auf. Aber wieso sind in einem durch Öl reich gewordenen Land überhaupt so viele Menschen augenscheinlich derart arm?

Am Abend achten wir darauf ausreichend Abstand zur Straße herzustellen. Zwischen all den Feldern und Dörfern einen Zeltplatz zu finden, ist nicht ganz einfach. Neben einem Feldweg finden wir eine unbewirtschaftete Wiese. Im Westen durchschneidet ein tiefes Tal die Landschaft. Wälder, Wiesen und Getreidefelder bilden ein buntes Mosaik. Dahinter erheben sich die ersten Ausläufer des Großen Kaukasus. In Sichtweite bringt ein kleiner Mähdrescher die Ernte ein. Das Feld liegt am Hang, wie so viele hier. Wir warten bis kurz vor Sonnenuntergang, bis wir unser Zelt aufbauen. In der Nacht hören wie die Hunde in den nahen Dörfern. Unser Zelt scheint aber niemanden zu stören.

Die Hauptstraße die von Baku nach Westen führt wird gerade ausgebaut.   Freitagsmoschee in Şaamaxi  Am Ende der zweite Etappe ist daher erst mal Ausruhen angesagt. 

Muğanli - Vandam, 74 km, 1077 hm

Umringt von Lehrern

Wir frühstücken in einem Teehaus an der M4. Der Tee kommt immer in einer Ein-Liter-Kanne mit zwei kleinen Gläsern, einer Schale Zucker, vier Zitronenscheiben und einigen Bonbons. Die Kanne kostet immer 1 Manat, also 50 €-Cent. Speisen gibt es noch keine, so essen wir unser eigenes Brot, was keinen Anstoß erregt.

Die Kinder mit den Nüssen stehen auch in der steilen, kurvenreichen Abfahrt ins Tal. Das ist nicht ganz ungefährlich. Ständig müssen wir damit rechnen, dass jemand auf die Straße tritt. Wir haben die M4 verlassen. Die R8 ist ruhiger, zwischen den Autokolonnen sind jetzt ein, zwei Minuten Pause. Nach der 6 Kilometer langen Abfahrt ins Flusstal folgt gleich ein ebenso langer Anstieg. Das ist doch mal ein guter Einstieg in den Tag. Im 60 bis 70 m breiten, steinigen Flussbett verliert sich ein nur wenige Dutzend Zentimeter breites Rinnsal. In einiger Entfernung stehen ein Bagger und ein LKW im Fluss. Sieht ganz so aus als bauten sie Kies ab.

Allmählich löst Laubwald die Felder ab. Der Schatten, den Buchen, Ahorn und Co. spenden, ist uns sehr willkommen, denn es ist schnell wieder 32 °C warm. Zu unserer Überraschung werden wir von zwei Rennradfahrern überholt. Am Straßenrand stehen viele Kühe, die natürlich auch mal die Seite wechseln. Die Tiere sind den Verkehr offensichtlich gewöhnt und äußerst ruhig bis stoisch. Im Wald lädt alle paar hundert Meter ein Restaurant zum Verweilen ein. Zwischen den Bäumen stehen in großzügigem Abstand hölzerne Pavillons. Dazu Spielgeräte für Kinder. Die vielen Restaurants lassen keinen Raum für "normale" Rastplätze. Wieder fragen wir uns ob so viel Konkurrenz gesund ist.

Heute gönnen wir uns ein Bett in einer Ferienanlage bei Vandam. Die Bungalows sind für 4 bis 6 Personen ausgelegt. Ein Bad im Pool, ein Nickerchen auf einer Liege im Schatten der Bäume. Sogar WiFi gibt es, wenn auch ein ziemlich langsames. Um einen Platz, der später zur Tanzfläche wird, sind hölzerne Pavillons drapiert. So bleibt die Privatsphäre beim Essen gewahrt. Nach dem Abendbrot sucht eine junge Frau das Gespräch mit uns. Glücklich Menschen gefunden zu haben, mit denen sie Englisch sprechen kann, ruft sie ihre Kolleginnen. Im Nu haben sich 8 Frauen um uns versammelt, dazu 4 kleine Kinder. Die Lehrerinnen machen gemeinsam Urlaub. Anscheinend bekommen sie jeden Sommer einen Gutschein, mit dem sie im Land Ferien machen können. Die Atmosphäre ist gelöst. Das Gespräch bleibt aber oberflächlich. Einen Schleier trägt keine der Frauen. Oft vergessen wir ganz, das Aserbaidschan ein Muslimisches Land ist.

Vandam - Şәki, 95 km, 869 hm

38 °C am Fuße des Großen Kaukasus

Der Innenhof der Karawanserei in Şәki.

Qәbәlә ist eine quirlige Kleinstadt. Als wir am Automaten Geld holen, kommen drei Bankangestellte aus der Filiale. Der Bankbetrieb ist kurz eingestellt, Touristen mit Fahrrädern sind interessanter.

Mit Rückenwind rollen wir durch eine Allee. Etliche der alten Laubbäume haben einen Stammdurchmesser von gut zwei Metern. Der unterste Meter der Straßenbäume ist weiß gestrichen, damit ist der Verkehrssicherheit genüge getan. Jenseits der Allee breiten sich Getreidefelder und Weiden aus. Viele Kühe und einige Schafe weiden aber lieber im Schatten der Alleebäume. Einige begnügen sich nicht mit Gras, sondern pflücken auch die Blätter von den Bäumen. Dabei angeln sie mit ihrer Zunge nach dem Laub, was recht eigenartig aussieht. Grillen zirpen, es ist gute 30 °C warm. Im Norden, rechts der Straße, erheben sich die bewaldeten Hänge des Großen Kaukasus. Der Abstand der Straßenhändler und Restaurants zueinander hat sich auf einige Kilometer vergrößert. Der Verkehr hat nochmals deutlich nachgelassen und stört jetzt fast nicht mehr. Das Tempo ist recht unterschiedlich. Ein Großteil der Autos und Lieferwagen fährt recht langsam. Einige pfeifen aber auch mit hochdrehenden Motoren an uns vorbei. Uns kommt eine Fahrzeugkolonne entgegen. Zwischen Polizeiautos und großen, schwarzen Geländewagen gleitet ein Rolls Royce über die schmale Straße. Sieht mächtig wichtig aus!

Die Orte gruppieren sich um einen Platz mit Teehaus, kleinen Laden und oft noch einer Werkstatt. Die Häuser sind von hohen Mauern eingefasst, in der ein großes Eisentor als Einfahrt dient. Mittags verlängert ein Kommunikationsproblem unsere Pause. Tee und Marmelade bekommen wir prompt, auf Brot und Ei warten wir vergeblich. Nach 20 Minuten fragen wir nach und schnell wird offensichtlich, dass der junge Kellner unser Russisch nicht versteht. Ein älterer Kollege muss kommen und siehe da, nach kurzer Zeit stehen auch Brot und Spiegeleier auf dem Tisch.

Des Nachmittags wird es immer heißer. Am Ende zeigt mein Tacho 38 °C an, Jörgs sogar 43 °C1). Alle paar Kilometer legen wir daher eine Pause im Schatten eines Baumes ein. Bei einem dieser Stopps treffen wir Nic aus den USA, der vor einem Jahr im Indonesien los geradelt ist.

Am Ende des Tages geht es nochmal einige Kilometer steil den Berg hinauf. Şәki (sprich: Scheki) liegt an einem waldreichen Ausläufer des Großen Kaukasus und der Palast des Kahn am höchsten Punkt der Stadt. Die Karawanserei aus dem 18. Jahrhundert ist ein großer zweigeschossiger Bau aus dicken Natursteinmauern. Arkadengänge umschließen einen großzügigen Innenhof, in dem ein Garten mit Brunnen angelegt ist. Die alte Herberge ist heute ein Hotel, die Preise sind moderat. Wir mieten uns für eine Nacht ein. Der Palast des Kahn wurde ebenfalls im 18. Jahrhundert erbaut. Die 6 Zimmer sind mit beeindruckenden Blumen- und Vogelmotiven ausgemalt. Auch die Buntglasfenster sind äußerst kunstvoll ausgeführt. Şәki ist bei Touristen beliebt. Die Straße vor der Karawanserei ist gepflastert und gesäumt von vielen Souvenir und Süßwarenläden. Empfehlenswert ist Şәki Halva2), ein in Zuckersirup eingelegtes Blätterteiggebäck mit Nüssen, Mandeln und Pistazien. Hat pro Stück gefühlte 10.000 Kalorien, aber das kann Radfahrer nicht schrecken.

1: Mein Thermometer hängt im "Schatten" unterm Sattel.

2: Eine regionale Variante des orientalischen Gebäcks Baklava  Wikipedia: Baklava

Die Berge des Großen Kaukasus kommen in Sicht.  Die Flussbetten am Fuße des Kaukasus sind enorm breit.  Der Palast in Şәki ist überaus kunstvoll verziert.  Kopfsteinpflaster vor der Karawanserei in Şәki.

Şәki - Zaqatala, 91 km, 820 hm

Von Lavashbäckern und Tabakbauern

Neben der Straße bietet ein Händler Wassermelonen an.

Die Seidenfabrik in Şәki kann man leider nicht besichtigen. Die Straße nach Qax ist gut ausgebaut. Die Zahl der Straßenhändler hat stark abgenommen. Einer bietet neben den obligatorischen Melonen auch selbst gebackenes Brot an. In der Mitte eines kleinen Raums steht ein hüfthoher runder Steinofen mit etwa einem Meter Durchmesser. Am Boden glimmen die Reste eines Holzfeuers. Der kaum einen Zentimeter dünne, längliche Brotteig wird mit einer Art Kissen an die Seitenwand des Ofens gedrückt. Nach wenigen Minuten wird das frische Lavash mit einem Harken aus dem Ofen gefischt. Ein großes Brot reicht uns etwa einen Tag. Frisch ist es super lecker. Leider wird es schnell trocken und schmeckt oft am Abend des Folgetages nicht mehr sonderlich gut.

Sechs Brücken überspannen ein 1,5 Kilometer breites Flussbett. Die Brücken sind nur wenige Meter hoch. Während der Schneeschmelze muss der Strom offensichtlich außerordentlich breit, aber nicht sonderlich tief sein. Neben Getreide wird hier auch Tabak angebaut. Die Blätter werden auf lange Schnüre aufgefädelt und in offenen Schuppen zum Trocknen aufgehängt. In Aserbaidschan (und Georgien) wird Tabak nicht nur produziert, sondern auch kräftig konsumiert. Vor allem die Männer rauchen viel. Wir gönnen uns mal wieder eine Pause in einem der vielen Teehäuser. Heute schaffen wir es aber nicht unseren Tee selber zu bezahlen. Ein Tabakbauer aus dem Dorf gesellt sich zu uns und lädt uns ein. Leider stoßen unsere Russischkenntnisse bald an ihre Grenzen, sonst hätten wir sicher einiges über den Tabakanbau erfahren können.

Die Straße von Qax nach Zaqatala ist geschottert und sehr ruhig. Für eine ruhige Straße lassen wir uns aber gerne durchschütteln. Die Teefabrik in Zaqatala ist offensichtlich geschlossen, so wird auch aus dieser Besichtigung nichts. Beim Einkaufen in einem kleinen Laden ziehen wir mal wieder die ganze Aufmerksamkeit auf uns. Als wir die Lebensmittel in den Taschen verstauen ist der Laden verweist. Die zwei jungen Frauen (Schwestern) lassen sich von ihrem Bruder mit uns fotografieren. Die Nacht verbringen wir an einem kleinen See unweit der Stadt. Die vier Ferienhäuser sind bereits belegt. Wir dürfen aber auf einer angrenzenden Wiese kostenlos zelten. Nach einem weiteren heißen Tag ist ein Bad im See eine willkommene Abkühlung.

In diesem Ofen wird Lavash gebacken.  Tabakblätter hängen zum Trocknen auf der 'Leine'.   Am Ende des Tages gönnen wir uns ein kaltes Bier.