Aserbaidschan und Georgien per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Tiflis - nahe Kvemo Nichbisi, 72 km, 1910 hm

Eine Abfahrt die es in sich hat

Auf dem Weg zum Pass haben wir ein weiter Blick über Täler mit Wiesen und Wälder.

Wenige Kilometer quirliger Stadtverkehr, dann geht es stetig bergauf - 1000 Höhenmeter. Da es schon früh morgens 30 C warm ist, kommen wir gleich ins Schwitzen. Oberhalb der Stadt haben sich die Wohlhabenden stattliche Villen errichtet. Die Imposanteste ist die des Milliardärs Bidsina Iwanischwili. Die belebte Straße windet sich durch Kiefernwälder. Auch in hoch am Berg gelegenen Vororten sehen wir noch die gelben Stadtbusse aus Tiflis. Ganz allmählich lässt der Verkehr nach.

Mittags haben wir die Vororte hinter uns gelassen. Eine alpine Landschaft mit Kiefernwäldern und Wiesen mit vielen Blumen bestimmt das Bild. Der Wald duftet, Grillen zirpen und auf der Straße ist es wunderbar ruhig. In etwa 1400 m Höhe verläuft die Straße sehr wellig, was mit der Zeit anstrengend wird. In einem winzigen Magazin, eher ein Kiosk, kaufen wir noch mal Wasser und gönnen uns ein Eis.

Auf einem steilen, unbefestigten Weg geht es einen gut 1800 m hohen Pass hinauf. Der Lohn für die Mühe ist ein weiter Blick über Täler mit Wiesen und Wälder sowie Schafe und Wasserbüffel am Wegesrand. Am Pass dann eine Überraschung. Ein ganzer Hügel ist mit Skulpturen übersät. Was auf den ersten Blick aussieht wie dutzende Kreuze entpuppt sich bei genauer Betrachtung als Schwerter. Der Rasen des Berges ist gemäht. Kunst an diesem abgelegenen Ort? Nein! Am Berg Didgori errang der Arme König Dawits IV. am 12. August 1121 einen wichtigen Sieg über die Seldschuken. Dies ist ein Denkmal.

War der Anstieg noch gut fahrbar, entpuppt sich die Abfahrt als völlige Katastrophe! Der Weg ist steil und oft tief zerfurcht. Die Spurrillen immer wieder 20, 30 oder gar 40 Zentimeter tief. Immer wieder müssen wir mit Steinen so groß wie Fußbällen klarkommen. Auch Abschnitte mit runden Flusskieseln und große Schlammlöcher machen uns immer wieder zu schaffen. Sehr anstrengend! Und das Ganze über fast 20 Kilometer. Beide fallen wir einige male hin - ohne uns groß weh zu tun. Dass es die ganze Zeit durch einen tollen, urigen Laubwald geht, können wir nicht wirklich genießen. Am Ende sind wir es echt leid.

Erst als wir fast schon unten sind, finden wir eine Wiese mit schönem Blick ins Tal. Um unser Zelt summen und zirpen die Insekten nach Kräften. Die Räder sind "leicht dreckig" um es mal höflich auszudrücken. Na zumindest sind wir diese schwierige Strecke bergab gefahren. Diese Strecke mit Reiserädern bergauf - vergiss es!

nahe Kvemo Nichbisi - Gori, 80 km, 650 hm

Ein Reifen macht schlapp

Höhle mit gewölbter Decke und Säulen in Uplistsikhe.

Morgens hängen Wolken in den Bergen, mit 24 C ist es vergleichsweise frisch. Noch einige Kilometer auf Schotter, dann haben wir wieder Asphalt unter den Reifen. Auf dem Weg nach Westen weht uns ein kräftiger Gegenwind ins Gesicht. Wir folgen dem Fluss Kura durch ein weites, landwirtschaftlich geprägtes Tal und durchqueren gelegentlich kleine Dörfer. Die Berge im Norden gehören schon zur autonomen Republik Südossetien.

In der Felsenstadt Uplisziche steht der Parkplatz voller Autos und Reisebusse. Die Stadt wurde im 6. Jahrhundert vor Christus gegründet und war ein Handelszentrum mit rund 5000 Einwohnern an der Seidenstraße. Das Gelände steigt vom Fluss her sanft von Süden nach Norden an. Der felsige Hügel ist perforiert mit großen und kleinen Höhlen, die aus den weichen Felsen geschlagen wurden. Die Decken sind als Gewölbe angelegt und meist mit Säulen abgestützt. Sie dienten als Wohnhaus, Bäckerei, Werkstatt oder Gefängnis. Keine der Höhlen ist mehr vollständig erhalten, so braucht es einige Vorstellungskraft sich die Situation in der Vergangenheit auszumalen.

Um die Ateni Sioni Kirche zu besichtigen radeln wir rund 10 Kilometer das schöne Tana-Tal hinauf. Wald und steil aufragende graue Berge bestimmen das Bild. Je höher wir kommen, desto enger wird das Tal und ähnelt immer mehr einer Schlucht. In den Dörfern wächst vor jedem Haus Wein. Leider stelle ich einen Defekt an meinem Hinterrad fest. Der Mantel ist knapp über dem Felgenhorn eingerissen und der Schlauch beginnt herauszudrücken. Wir schaffen es den Schaden mit Felgen- und Textilband für den Moment zu beheben, eine Dauerlösung ist das aber nicht. Die Kirche wird innen gerade renoviert. Baugerüste verstellen daher den Blick auf die schöne Bemalung. Aber die Lage war den "Abstecher" trotzdem wert.

In Gori kommen wir im Guest House "Levani" unter. Der Charme der Unterkunft liegt in ihrer Einfachheit. Die zwei Zimmer im Obergeschoss sind möbliert, als würde sie die Familie noch selber nutzen. Bad und Küche teilt das ältere Ehepaar mit seinen Gästen. Nach kurzer Zeit merken wir, dass die zwei eigentlich nur ihr Schlafzimmer nicht mit ihren Gästen teilen. Beide sind sehr herzlich und hilfsbereit. Kostenloses WiFi ist in den Unterkünften Standard, so können wir nach einem Radladen in Tiflis suchen. Velo+ macht einen vielversprechenden Eindruck, hat einen Webshop und eine Mailadresse. Wir fragen per Mail nach einem 26 Zoll Reisereifen.

Vor der Bahnstrecke Goris - Tiflis kreuzen mal wieder Kühe unseren Weg.  In einem Dorf nahe Gori fällt uns dieser schöne Truthan auf.  Die Höhlenstadt Uplistsikhe.  Hund schläft friedlich in ein einer Grube eines Höhlenhauses. Dorf im Tana-Tal.   Das Geburtshaus Stalins in Gori. 

Gori - Tiflis - Gori

Mit der Marschrutka nach Tiflis

Straßenmarkt unterhalb der Burg von Gori.

Velo+ hat schon geantwortet. Sie haben einen guten Conti-Reifen vorrätig. Da schmeckt das gute Frühstück mit Rührei und gefüllten Pfannkuchen gleich doppelt so lecker. Unsere Vermieter organisieren für uns zwei Plätze in einem Sammeltaxi. Mit "nur" 30 Minuten Verspätung fährt ein gepflegter PKW neueren Baujahres vor. Der Fahrer sammelt vier weitere Fahrgäste auf. Die Fahrt nach Tiflis kostet ganze 10 Lari pro Person.

In Tiflis wird es dann "interessant". Wir werden an ein weiteres Taxi "weitergereicht", das uns zum Laden bringen soll. Der Fahrer stellt sich aber dumm, fährt in eine wenig vorteilhafte Gegend und möchte dann 20 Lari von jedem haben, um uns zum Ziel zu bringen. "Das ist ja sooo weit!" Nein mein Junge, nicht mit uns. Es dauert etwas, bis wir das Bussystem verstanden haben, dann ist es wieder ganz einfach. Mit der Linie 27 zum Station Square, einem großem Bus- und Eisenbahnbahnhof. Weiter mit der Linie 34 bis Berdzenishvili Street. Die Tickets können an einem Automaten im Bus gelöst werden. Wer keine 50 Lari-Cent hat, kann beim Schaffner wechseln. Ja, in jedem Bus fährt noch eine Person mit, die darauf achtet, dass jeder ein Ticket löst. Andererseits stehen an den Bushaltestellen moderne Digitalanzeigen, die die Ankunft der Busse minutengenau ankündigen. Oft fahren gleich mehrere der alten gelben Busse hintereinander her. Ganz nebenbei lernen wir Tiflis noch mal ganz neu kennen. Vor allem der große, lebendige Lebensmittelmarkt nahe des Station Square ist sehr interessant. Auch bei Velo+ werden wir nicht enttäuscht, bekommen mit dem Conti Travel Contact einen sehr ordentlichen Reifen. Nur am Rande sei erwähnt, dass heute Sonntag ist.

Interessant wird es noch mal am großen Busbahnhof Didube. Von hier fahren alle Marschrutkas in den Westen Georgiens. Auf dem riesigen Areal stehen hunderte Kleinbusse. Das Reiseziel ist immer akkurat angegeben - auf Georgisch. Gori sieht dann so aus "გორი". Nach einer viertel Stunde ist auch dieses Problem gelöst. In unseren Mercedes Sprinter passen 25 Personen, die jeweils 3 Lari für die rund 80 Kilometer nach Gori bezahlen. Am Nachmittag sind wir wieder "daheim". Hat etwas länger gedauert, war aber auch ein Erlebnis.

Den Rest des Tages nutzen wir für einen Spaziergang durch die Geburtsstadt von Josef Stalin. Den Besuch des Stalin-Museums schenken wir uns, da es den berüchtigten Staatsmann glorifiziert anstatt sich kritisch mit ihm auseinanderzusetzen. Vor einer Kirche erinnert ein Denkmal an den Kaukasuskrieg von 2008. Damals war Gori Ziel Russischer Luftangriffe - ist auch erst 9 Jahre her.

Dieses Denkmal in Gori will offensichtlich auf den Grauen des Krieges hinweisen. 

Gori - Chiatura, 116 km, 1030 hm

In der Stadt der Seilbahnen

Frauen warten in Chiatura auf die Abfahrt der Bahn Nr. 25.

Wir setzen unseren Weg Richtung Westen fort. Kurz hinter Gori zwängen sich Bahn und Straße zwischen dem Fluss Kura und einem Hügel hindurch. Das Interessante an der Verkehrsführung sind die Masten der Hochspannungsleitung, die stehen nämlich mitten auf der Straße. Die Bahnstrecke ist elektrifiziert und die Züge machen von außen einen durchaus modernen Eindruck.

Es folgt eine fruchtbare Ebene, in der unter anderem Getreide, Mais, Bohnen und Äpfel angebaut werden. An mehreren Stellen werden Bohnen auf der Straße getrocknet. Dann ist für 20 oder 30 Meter eine Straßenseite mit den Hülsenfrüchten bedeckt. Natürlich vorbildlich ringsum mit faustgroßen Steinen abgesichert. Bei dem wenigen Verkehr stellt das aber absolut kein Problem dar.

Parallel zur Grenze zu Südossetien radeln wir in die Berge. Die Straße führt durch ausgedehnte Eichen- und Buchenwälder. Am Wegesrand bieten etliche Händler Pilze an. Einen Tisch oder Stuhl haben die Wenigsten, meist steht einfach eine handvoll Eimer da. Auf der Straße ist es insgesamt ruhig. Wir sind aber überrascht, wie viele Marschrutkas unterwegs sind. Manchmal ist eine kaum aus dem Blickfeld, da überholt uns schon die Nächste. Von der sensiblen Grenze merken wir nichts, obwohl sie bisweilen nur einen Kilometer entfernt ist. Wieder fällt uns die Hochspannungsleitung auf. Hier wurde ein gigantischer Aufwand getrieben. Durch das Tal verlaufen drei Stromleitungen und jede hängt an einem separaten Mast. Oben, in 1000 m Höhe, bestimmt ein Flickenteppich aus Wiesen und Wäldern das Bild.

Den Abschluss bildet die Abfahrt in eine tief eingeschnittene Schlucht. Die Felswände ragen gute 200 m nahezu senkrecht auf. Könnte super schön sein. Aber wir sind auf dem Weg in die Bergbaustadt Chiatura. Hier wird seit Jahrzehnten Coltan abgebaut. Alles ist mit einer dicken Schicht schwarzem Staub überzogen. Auf den Straßen sind etliche LKW unterwegs. Was zum Teufel wollen wir also hier? Bedingt durch die Lage der Stadt in der engen Schlucht hat man ab den 1950ger Jahren ein Netz aus Seilbahnen aufgebaut. Lastenbahnen mit denen das Coltan ins Tal befördert wird und Personenbahnen um das Zentrum mit Stadtteilen auf den Bergen zu verbinden. Zu Hochzeiten gab es 26 Personen- und über 50 Lastenbahnen. Die Steilste, die Friedensbahn, hat eine Steigung von 48. Der bewölkte Himmel passt zum morbiden Charme der oft maroden Industrieanlagen. Das auch der Fluss schwarz ist wie die Nacht, ist hingegen eher bedenklich. Die Architektur im Zentrum und die schön gestalteten Seilbahnstationen machen den Eindruck, als wäre die Stadt mal wohlhabend gewesen. Heute sind nur noch 2 Personenseilbahnen in Betrieb. Die Benutzung ist kostenlos, auch für Touristen. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen, wir fahren mit beiden. Die Gondel der Friedensbahn erinnert an eine Bergwerksbahn. Die stählerne Kabine ist klein und fensterlos. Runde Metallgitter lassen etwas Licht hinein. Die 1954 erbaute Seilbahn Nr. 25 ist die älteste Seilbahn der Stadt. Die Kabine fasst 10-12 Personen. Hier fährt sogar noch eine Schaffnerin mit. Für sie hängt in einer Ecke der Kabine ein Telefon. Nachdem die Türen geschlossen sind drückt sie einen Knopf und gibt so der Maschinistin das Signal, dass es losgehen kann. Auch der Maschinistin dürfen wir einige Minuten über die Schulter schauen. Hinter ihr brummt der große Elektromotor und drehen sich die riesigen Räder für das Antriebskabel. An einem Rohr, das entfernt an eine Abflussrinne erinnert, läuft ein Zeiger rauf oder runter und gibt so an, wo sich die Gondel gerade befindet. Mit einem Hebel, so lang wie ein Unterarm, bedient die Mittfünfzigerin die Bremse. Vor der Abfahrt der Bahn läutet sie eine Klingel. Wir sind froh dies noch gesehen zu haben. Viele Bahnen werden nämlich gerade abgerissen und durch Moderne ersetzt.

Die Stützen dieser Stromleitung bei Gori stehen mitten auf der Straße.  Westlich von Gori wird die Straße zweckentfremdet.   Das Hindernis erweist sich als Bohnen, die zum Trocknen auf der Straße liegen.  Die Bergbaustadt Tschiatura ist bekannt für ihre Seilbahnen.  Die Friedensbahn.  Die Friedensbahn.  Die Friedensbahn.  Maschinistin der Bahn Nr. 25. 

Chiatura - Gelati, 94 km, 1875 hm

Tierisch viel los auf der Straße

Kloster Katskhis Sveti

Morgens geht es gleich ziemlich den Berg hoch. Wir scheinen die Schlucht auf dem direktesten Weg wieder zu verlassen. Viele der LKW, die uns überholen, sind nur minimal schneller als wir. Der Lohn für die Mühe - nach kaum fünf Kilometern sind wir wieder in der schönsten Natur. Berge und Wald, links die Schlucht, vor uns eine kurvige Straße - toll.

Im Kloster Katskhis Sveti thront ein Einsiedlerhäuschen auf einem monolithischen Felsen. Der Anblick erinnert entfernt an die Meteora-Klöster in Nord-Griechenland. Der helle Monolith soll 45 Meter hoch sein, wirkt aber höher, da das Kloster selber schon auf einem respektablen Hügel steht. Weithin sichtbar ragt der schlanke Felsen aus dem Grün des Waldes heraus. Das Kloster ist sehr überschaubar und das Besteigen des Felsens für Besucher nicht gestattet.

Den ganzen Tag geht es auf und ab. Gerne für einige Kilometer mit 10%. Es ist sehr grün. Wald, Wiesen und große Gärten mit Mais, Kartoffeln, Tomaten, Bohnen und vielem mehr bestimmen das Bild. Alle paar hundert Meter stehen Kühe auf oder neben der Straße. Die Kälber sind des Öfteren angebunden, die erwachsenen Tiere können sich frei bewegen. Die Wiederkäuer sind absolut gelassen, liegen auf der Straße und scheinen den Verkehr völlig zu ignorieren. Ganz anders die Schweine und Hühner, die ebenfalls frei rumlaufen. Die rennen meist nervös vor uns weg. Schon beeindruckend, wie schnell so ein Schwein laufen kann - 20 km/h schaffen die locker. Das gibt bestimmt mal guten Schinken;-) Darüber hinaus wird die Straße von Obstbäumen und -sträuchern gesäumt. Kirschen, Granatäpfel, Pflaumen, Äpfel, Brombeeren sehen wir am Häufigsten. Es ist mit 27 C zwar eigentlich angenehm warm, aber sehr schwül. So schwitzen wir bei jedem Anstieg in Strömen.

Im Großen und Ganzen ist die Straße recht gut. Hin und wieder ein großes Schlagloch oder eine Welle am Straßenrand tun dem keinen Abbruch. Die vielen Tiere bremsen den Verkehr ganz schön ein. Die meisten Autos sind gemächlich unterwegs. Dafür rußen viele der Marschrutkas wie die Schlote. Die Hunde sind kein Problem. Einige der vielen Straßenhunde ganz schön mager. Die betteln schon mal um einen Happen Brot, sind aber sonst ganz lieb. Die Wachhunde laufen uns oft ein paar Meter nach, da ist dann aber auch klar, dass sie uns nur aus ihrem Revier verjagen wollen. Also auch kein Stress. Viele Bushaltestellen sind eingezäunt. Bald wird uns klar, dass man so die Tiere aussperren möchte. Denn die Straße ist übersät mit ihren Hinterlassenschaften.

Nahe des Klosters Gelati finden wir ein nettes Guest House.

Das Katskhis Sveti ist weithin sichtbar.  Kühe und Schweine gehören, wie selbstverständlich, zum Straßenbild. 

Gelati - Martvili Canyon, 71 km, 770 hm

Richtig viel Schwein gehabt

Fresken im Kloster Gelati.

Hungrig steht in Georgien kein Gast vom Tisch auf. So radeln wir gut gestärkt die letzten Kilometer rauf zum Kloster Gelati. Das UNESCO Weltkulturerbe wird gerade renoviert. Die Lage ganz oben auf dem Berg ist überaus reizvoll. Die Baugerüste rund um das Gotteshaus trüben die äußere Erscheinung aber schon erheblich. Die Dächer werden mit grün lasierten Ziegeln neu gedeckt. Das Innere der Hauptkirche ist schön mit Fresken ausgemalt.

Das Kloster Motsameta liegt wunderschön am Rande einer engen Schlucht. Eine überdachte Fußgängerbrücke ist der einzige Zugang zum kleinen Ensemble aus hellen Bruchsteinbauten. Diese kauern sich auf einem Felsen zusammen, von dem aus es auf drei Seiten steil bergab geht. So wirkt das Kloster auf den ersten Blick wie eine mittelalterliche Burg. Die Fresken in der kleinen Kirche sind frisch restauriert. Die Mönche vermeiden - wie gewohnt - den Kontakt.

Kutaisi hat einen ansprechenden Stadtkern. Auf der anderen Seite des Flusses Rioni auf einem Berg thront die große Bagrati-Kathedrale. Auf dem hohen Baukörper aus hellen, glatten Steinen sitzt ein hellgrün oxidiertes Kupferdach. In der Mitte erhebt sich ein runder Turm mit hohen, schmalen Rundbogenfenstern. Vor dem sehenswerten Gotteshaus singt ein vierstimmiger Männerchor. Die Sänger tragen die traditionelle Tracht der Swanen, einem Bergvolk, das wir noch besuchen werden.

Es ist wieder heiß und sehr schwül. Durch eine fruchtbare Ebene fahren wir am Fuße der Berge westwärts. Alles was ein Bauernhof an Tieren hat steht auf oder neben der Straße. Kühe, Schweine, Hühner, Gänse und Pferde laufen wie selbstverständlich frei herum. Die Schweine suhlen sich bevorzugt im Wasser der Straßengräben. Auf den Feldern wächst viel Mais. Auch an Wein herrscht wahrlich kein Mangel. Die Häuser haben sehr große Balkone, oft so groß wie ganze Zimmer. Die Fernsicht ist mies, es ist einfach zu viel Wasser in der Luft.

Der Besuch des Martvili Canyon kostet 5 Lari Eintritt, die Bootstour schlägt noch mal mit 10 Lari zu buche. Mit einem kleinen Schlauchboot fahren wir - vier Gäste und ein Guide - in die Schlucht. Die knapp 20 Meter hohen Felswände haben einen Abstand von gut fünf Metern. Die Strecke ist mit wenigen hundert Metern recht überschaubar. Es ist überraschend kühl und so wundert es nicht, dass am Eingang der Schlucht eine dichte Nebelwand hängt. Weitere Teile des Canyons sind über Holzstege erschlossen. Ganz ehrlich, ein "must see" Naturwunder ist dieser Canyon nicht.

Wir kommen in einem sehr einfachen Guest House fußläufig zur Schlucht unter. Das Zimmer ist etwas stickig, sodass ich mich entschließe auf dem Sofa auf dem Balkon zu nächtigen. Die Dusche gibt das Wasser nur sehr sparsam ab. Der Schäferhund unser Vermieter ist etwas nervös und bellt uns bei jeder Gelegenheit an - selbst wenn seine Herrin neben uns steht.

Christus Darstellung im Kloster Gelati.  Kloster Motsameta  Schweine in der Stadt Kutaissi.  Kathedrale in  Kutaissi.  Sänger vor die Kathedrale in  Kutaissi. 

Martvili Canyon - Khaishi, 100 km, 1555 hm

Auf in die Berge

Bienenvölker am Fluss Enguri.

In der Nacht war der Hund dann doch friedlich. Und heute Morgen scheint er unser bester Freund zu sein. Beschnuppert uns, lässt sich streicheln. War gestern was?

Die Landschaft bleibt sehr grün. Weiterhin sind sehr viele Tiere auf der Straße, heute auch Schafe und Ziegen. Viele Sauen haben Ferkel. Die Berge im Norden sind schon ganz nah, aber noch in Wolken gehüllt. Großzügige Freitreppen führen aus den Gärten zu großen Balkonen. Solch ein Aufgang würde sich gut an einer Südstaatenvilla machen. An diesen ansonsten eher einfachen Häusern wirken sie sehr dominant. In den Gärten wächst alles. Hier fallen uns erstmals auch Feigen- und Nussbäume auf. Es ist bewölkt und "nur" rund 27 C warm - aber weiterhin sehr schwül. Solange wir einigermaßen zügig fahren geht es, in den Anstiegen ertrinken wir aber fast im eigenen Schweiß. Die Trikots kleben patschnass am Körper. Die Unterhemden fahren schon seit Wochen spazieren. Auf den ruhigen Straßen werden wir immer wieder gegrüßt.

Des Mittags erreichen wir die M7, die in die Berge Swanetiens führt. Dort wollen wir hin. Es hat aufgeklart und ist jetzt richtig heiß. Im Anstieg transpirieren wir wie die Weltmeister. Schnell bestimmen erste Berge das Bild. Steil und dicht bewaldet ragen sie rund 1400 m hoch auf. Es geht hinab zum Enguri-Stausee, einer großen blaugrünen Wasserfläche zwischen grünen Bergen. Im leichten Auf und Ab folgen wir dem langgestreckten Gewässer Richtung Norden. Richtig schön hier und kaum Verkehr. Nur mit Zelten ist Essig. Neben der Straße geht es 80 bergauf oder bergab. Jede verfügbare Fläche neben der Straße wird von Imkern genutzt. In einigen Abschnitten stehen jeden halben Kilometer Bienenstöcke und Honig neben der Straße. Das Nutzvieh, das die letzten Tag allgegenwärtig war, ist hingegen aus dem Straßenbild verschwunden.

Der See verengt sich und geht in den gleichnamigen Fluss über. Das Tal ist gerade breit genug für Fluss und Straße. Klasse Landschaft aber weiterhin kein Zeltplatz in Sicht. So wird es eine lange Etappe. Nach fast sieben Stunden auf dem Rad finden wir in Khaishi ein einfaches Hotel. Die Wirtin ist recht rau im Ton. Das mag auch daran liegen, dass die meisten ihrer Gäste Bauarbeiter von der nahen Straßenbaustelle sind. Wir gönnen uns ein kaltes Bier und ein großes Chatschapuri1) im Restaurant des Hotels. Chatschapuri ist ein flaches, rundes, mit Käse überbackenes Brot. Die Form und Größe einer Pizza, von der Dicke und Konsistenz eher wie ein überbackenes Baguette. Lecker und gehaltvoll.

1:  Wikipedia: Chatschapuri

Im feuchtheißen Klima West-Georgiens wächst alles 'wie der Teufel'.  Unsere Fahrt in die Bergwelt Swanetiens beginnt in 400 m Höhe.   Schon nach wenigen Kilometern kommen die ersten Berge in Sicht.  In kurzen Abständen bieten Wasserfälle, Bäche oder Quellen die Gelegenheit die Wasserflaschen aufzufüllen.   Am Enguri Stausee bietet in buchstäblich jeder Kurve ein Imker Honig an.  Immer wieder überspannen Fußgängerbrücken denn gut gefüllten Fluss. 

Khaishi - Mestia, 67 km, 1540 hm

Im Reich der Viertausender

Die zwei Gipfel des Ushba zählt mit rund 4700 m zu den höchsten Gipfeln im Großen Kaukasus.

Am Fluss entlang radeln wir das Tal hinauf. Das kalte Wasser wirkt wie eine Klimaanlage. Die Luft ist angenehm kühl. Das graue Wasser schäumt zwischen den Felsen hindurch. Das Flussbett ist breit und flach, die steilen Hänge ringsum dicht bewaldet. Die wenigen Dörfer entlang der Strecke liegen weit auseinander. So sind auch heute nur selten Tiere auf der Straße. Auch Imker oder andere Straßenhändler sehen wir heute keine.

Gegen 11 Uhr rasten wir in einem kleinen Café, trinken einen Kaffee und stärken uns an ein paar Spiegeleiern. Vor dem unscheinbaren einstöckigen Haus steht ein Ford Transit, der auf dem Dach mit fünf Lagen Matratzen beladen ist. Marschrutkas und ihre Pendants aus der Transportbranche sehen wir häufig auf dieser ansonsten ruhigen Straße.

Das kleine Café ist für viele Kilometer die letzte menschliche Siedlung. Meist moderat aber andauernd gewinnen wir an Höhe. Irgendwann sind wir 200 oder 300 m oberhalb des Flusses und die "Klimaanlage" wirkt nicht mehr. Dafür kommen auf beiden Seiten der Straße die Viertausender in Sicht. Der Anblick solch hoher Berge beeindruckt uns jedes Mal aufs Neue. Grauer Fels und weiße Gletscher über grünem Wald. Gute 10 Kilometer trennen uns von den Bergriesen. Dafür dass diese mehr als 2,5 Kilometer über uns aufragen hat das menschliche Auge leider keinen Maßstab. Mit 4737 m und 4698 m ist der Doppelgipfel des Uschba der Höchste, den wir zu Gesicht bekommen. Auch der höchste Berg des Kaukasus, der 5642 m hohe Elbrus, liegt in dieser Region. Die benötigten 30 Kilometer Fernsicht haben wir heute aber nicht.

Im obersten Drittel der Etappe nimmt die Besiedlung wieder zu. Kleine Dörfer umgeben von Feldern und Wiesen säumen die Straße. Zwischen den Häusern erheben sich viereckige Türme aus groben Bruchsteinen. Die Grundfläche gerade groß genug für ein Zimmer ragen die grauen Trutzburgen rund 15 Meter hoch auf. Bis auf das überdachte oberste Geschoss fensterlos, würden sie jeder wehrhaften Burg zur Ehre gereichen. Wir sind in Swanetien angekommen. Einer der abgelegensten Regionen Georgiens. Die Swanen sind als stolzes und kriegerisches Bergvolk bekannt. In der Abgeschiedenheit des Großen Kaukasus haben sich Rieten und Traditionen weit bis in unsere Zeit erhalten. Raue Traditionen über die man sich in Georgien wilde Geschichten erzählt.

Und dann das! Mestia, das größte Dorf im oberen Swanetien ist fest in der Hand des Tourismus. Jedes Haus des 1900 Seelenortes scheint eine Unterkunft zu sein. Junge Backpacker bevölkern die Hauptstraße, wie hören mehr Englisch als Russisch. Auch an Restaurants herrscht kein Mangel. Wir quartieren uns in einem Guest House in einer Nebenstraße ein. Dort lernen zwei Radfahrer aus England kennen, Ian und seine Frau. Sie sind schon seit gestern hier und fahren in unsere Richtung. Abends zieht ein kurzes Gewitter über uns hinweg. Ein Mann mäht mit der Sense hüfthohes Gras. Erst als er fertig ist begreifen wir, dass er einen Weg um den Gemüsegarten freigelegt hat - sonst hatte man diese Arbeit wohl der Kuh überlassen. Diese kommt als es dunkel wird, lässt sich - von Hand - melken und geht wieder ihre eigenen Wege.

Klimaanlage. Das kalte Wasser des Flusses kühlt die Luft.   Das Wasser des Flusses Enguri führt jede Menge Sedimente mit sich.  Doppel-T-Träger + massive Holzbretter + ein paar starke Seile = Brücke.  Mit Matratzen beladene Marschrutka.  Die grünen Hänge täuschen, diese Berge sind rund 2600 m hoch.  Der Shtavleri ist 3996 m hoch.  Bergpanorama nahe Mestia.