Kirgistan per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Bischkek

Kirgistan empfängt uns freundlich und mit strahlendem Sonnenschein

Nüsse und Trockenfrüchte auf dem Osch-Basar

Es ist 6 Uhr in der Früh, als unsere Maschine in Bischkek landet. In Kirgistan geht gerade die Sonne auf, daheim in Deutschland ist es 2 Uhr in der Nacht. Der Manas Airport ist nicht groß, unsere Neugierde auf die ehemalige Sowjetrepublik schon. Die geradezu riesigen Mützen der Zöllner scheinen noch aus der Zeit vor der Unabhängigkeit 1991 zu stammen. Die Einreise ist unkompliziert, an der Passkontrolle gibt's einen (schmucklosen) Stempel in den Reisepass.

Der Flughafen liegt rund 30 km nördlich der Hauptstadt. Auf der vierspurigen Hauptstraße ist nicht viel Verkehr. Die Autofahrer kündigen sich oft durch hupen an und lassen uns ausreichend Platz. Die vielen Schlaglöcher und Unebenheiten weckt unsere Vorfreude auf die Nebenstraßen. Die Allee ist von Bäumen gesäumt die Merkmale von Pappeln und Birken aufweisen. Am Rande der Felder leben Obst- und Gemüseverkäufer in provisorischen Zelten. Die Lagerfeuer und der Dung der Kühe und Schafe, die am Straßenrad weiden, erzeugen einen unangenehmen Geruch.

Im Alpinist Hotel können wir gleich frühstücken und auf unser Zimmer. Zu Fuß erkunden wir die Stadt. Es ist mittlerweile über 30 °C heiß. Bischkek ist recht grün - zahlreiche Parks und Alleen schaffen angenehme Orte. Die Repräsentationsbauten im Herzen der Stadt atmen noch den Geist des Sozialismus und scheinen seit dessen Ende zu verfallen. Im Süden bilden die schneebedeckten Viertausender des Tian Shan Gebirges eine eindrucksvolle Kulisse.

Auf den Straßen prägen deutsche und japanische Gebrauchtwagen das Bild. Ob das Lenkrad links oder rechts ist scheint keine Rolle zu spielen. Mercedes Sprinter allen Alters sind als Kleinbusse auf festen Routen im Einsatz. Wie fleißige Ameisen wuseln sie zu tausenden durch die Straßen. Hupen gehört zum guten Ton und der Katalysator ist noch ein Fremdwort. Der Osch-Basar ist ein sehr lebhafter und bunter Ort. Auf dem riesigen Markt werden vor allem frische Lebensmittel angeboten. Es gibt Bereiche für Brot, Obst, Gemüse, Nüsse und Trockenfrüchte, Süßwaren, Mehl und Zucker, Nudeln, und vieles mehr. In jedem Bereich bieten dutzende Händler ein vergleichbares Sortiment an. Die Kilopreise sind ausgezeichnet. Obwohl Sonntag ist haben neben dem Basar auch alle Läden auf, die meisten im Stil der Tante-Emma-Läden mit großem Tresen und den Waren im Regal an der Wand dahinter.

Bäcker auf dem Osch-Basar  Aprikosen-Verkäuferin auf dem Osch-Basar  Markthalle für Obst und Gemüse auf dem Osch-Basar  Entspannter Händler mit traditionellem kirgisischen Filzhut

Bischkek - Sosnovka, 85 km, 680 Hm

Warmfahren im Flachland

Dieser LKW stammt offensichtlich aus Deutschland

Der Verkehr in Bischkek ist doch recht stark. Obwohl wir die Nebenstraße über Küntuu nach Sokuluk nehmen, sind die ersten rund 10 km recht laut. Die Autofahrer sind aber rücksichtsvoll und lassen uns genügend Platz. Immer wieder wird uns freundlich zu gewunken. Es kommt auch vor, dass uns der Beifahrer beim Überholen anspricht und fragt woher wir kommen. Auf diese freundliche Art werden uns auf unserer Reise noch viele Kirgisen zeigen, dass wir willkommen sind. Als der Verkehr nachlässt haben wir endlich Muße für die Aussicht über die Getreidefelder auf die Berge im Süden. Am Straßenrad und in den Orten grasen häufig Schafe und Kühe.

Für einige Kilometer lässt sich die viel befahrene M39 nicht vermeiden. Neben der Straße werden Obst und Gemüse verkauft. Vor allem Wassermelonen werden häufig und in großen Mengen angeboten. Wir widerstehen der Verlockung, obwohl es mittlerweile deutlich über 30 °C heiß ist. Viele LKW und Transporter stammen offensichtlich aus Deutschland. Niemand hat sich die Mühe gemacht die Logos der Spedition oder des Handwerkers zu übermalen. “Hartmann International - Ihr Gut in Sicheren Händen” steht auf einem von vielen mit Heuballen beladen Lastern.

Hinter Belovodskoye biegen wir nach Süden ab. Der Verkehr lässt deutlich nach und die Berge rücken langsam näher. Kaum 6-jährige Stöpsel passen hoch zu Ross auf grasende Kühe auf. In Sosnovka finden wir am Ende des Ortes eine Unterkunft. Aclilbek der junge Besitzer spricht englisch und deutsch. Er war 2005/2006 für ein Jahr als Au Pair in Stuttgart. Fließendes Wasser gibt es nicht, mit einem Eimer warmen Wasser und einer Schöpfkelle kann man auch prima duschen. Vor der Mautstation wenige hundert Meter südlich des Ortes stauen sich die LKW.

LKW mit Heuballen an der M39  Blick aufs Tian Shan Gebirge auf dem Weg nach Sosnovka  Wiesen und Felder säumen die Straße nach Sosnovka

Sosnovka - Töö Pass, 53 km, 1940 Hm

Der erste Pass - zelten in 3040 m Höhe

Am Töö Pass zelten wir in 3.040 m Höhe

Heute geht es auf der M41 stetig bergauf. Unten schiebt der Wind, die Steigung ist moderat. So geht es flott voran. Die steil aufragenden Felswände schimmern in vielen Rot- und Brauntönen. Das Wasser des Kara-Balta rauscht immer dicht neben der Straße. Die spärliche Vegetation besteht aus ausgedörrtem Gras und einigen Büschen. Der Verkehr ist erfreulich gering. Warum sich die LKW gestern vor der Mautstation gestaut haben und heute kaum welche unterwegs sind, bleibt für uns ein Rätsel. So mancher Laster schnauft ganz kräftig und ist kaum schneller als wir. Ein alter russischer Transporter muss sogar immer wieder pausieren.

Nach rund 41 km stehen in einer Kurve drei “Gebäude”. Das Mittlere erinnert stark an einen blauen Zirkuswagen ohne Räder, das Baumaterial für den Kiosk daneben lieferte wohl ein Container. Quer dazu steht ein kleines Lehmhaus. Auf dem Platz davor stehen drei Autos, eines davon mit überhitztem Motor. Das Interesse der Menschen an uns ist groß, die Verständigungsprobleme leider auch. Der Kiosk hat Getränke und Zigaretten in der Auslage. Im “Zirkuswagen” stehen zwei Tische, wir setzen uns. So wie es aussieht ist es ein Café. Mit Brot und Tee laden wir unsere Akkus etwas auf.

Eine grüne Bergwelt prägt mittlerweile das Bild. Die Berge um uns herum sind 3800 bis 4300 m hoch. Auch wir nähern uns der 3000der Marke und kommen allmählich ins Schnaufen. In Sichtweite zum Tunnel finden wir ein Plätzchen für unser Zelt, wenige Meter neben einem Bach. Auf den Wiesen ringsum weiden Schafe. Die Jurten der Hirten sind ganz in der Nähe. Die begutachten unser kleines Zelt. Alle Männer begrüßen uns mit Handschlag. Sie deuten an das es in der Nacht kalt wird und fragen ob wir hungrig sind. Nein - alles OK, wir kommen gut zurecht, wiegeln wir ab und kommen uns dabei geradezu unhöflich vor.

In einem haben die Hirten recht. Von den über 30 °C heute Vormittag hat es sich allmählich auf rund 20 °C abgekühlt. Als die Sonne hinter den Bergen verschwindet wird es nochmal 10 °C kühler - Zeit sich in die Schlafsäcke zu verkrümeln.

Die Felswände an der M41 schimmern in vielen Rot- und Brauntönen  Der Kara-Balta rauscht stets dicht neben der M41 zum Töö Pass  Ein alter russischer LKW quält sich den Töö Pass hinauf  Von Sosnovka zum Töö Pass sind fast 2.000 Höhenmeter zu überwinden  Nach 41 km stärken wir uns in diesem Café auf 2600 m Höhe  3800 bis 4300 m hohe Berge säumen die Passstraße

Töö Pass - Kökömeren Tal nahe Kizil Oy, 68 km, 210 Hm

Das Kökömeren Tal - raue Piste und tolle Landschaft

Faszinierende Landschaft im Kökömeren Tal

Morgens ist es windig und sehr frisch. Unser gestern noch flüssiger Honig ist steinhart. Dick eingepackt stehen wir vorm Eingang des 3 km langen Tunnels. Um uns herum versammeln sich fünf Männer. Ob sie alle den Verkehr am Tunnel regeln ist schwer auszumachen. Wir schütteln allen die Hände und erzählen wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir wollen. Viel mehr gibt unser kirgisischer Wortschatz nicht her. Das wir durch den Tunnel radeln dürfen, verstehen wir aber sehr gut. Der ist gut beleuchtet. Nur alle paar Minuten überholt uns ein Auto. Auch die Luft ist ganz OK. Die Lüftung ist allerdings ohrenbetäubend laut.

Auf der anderen Seite öffnet sich der Blick in eine weite, grüne Ebene. Am Horizont ragen schneebedeckte Berge auf. In der Abfahrt kommen wir an etlichen Jurten vorbei. Am Straßenrad werden Kymys (vergorene Stutenmilch) und Kurt (gesalzener, zu kleinen Kugeln gerollter Quark) angeboten. Auf den Wiesen grasen Pferde und Ziegen. Als wir eine Herde Stuten mit ihren Fohlen fotografieren steht bald der Hirte neben uns. Stolz posiert er vor seinen Tieren und fordert uns auf Fotos zu machen. Im Laufe unserer Reise werden uns noch häufig Kirgisen bitten Bilder von ihnen zu machen.

Der Abzweig nach Suusamir markiert das Ende des Asphalts. Mittlerweile ist des über 30 °C warm. Auf dem rauen Schotter suchen wir ständig nach der am wenigsten holprigen Spur. Dazu bilden kleine Fliegen einen Schwarm um uns, sobald wir stehen bleiben.

In Suusamir bieten mindestens ein halbes Dutzend kleiner Läden ein überschaubares Sortiment an Lebensmitteln an. Mit Wasser, Brot, Nudeln und Keksen ist unser “Überleben” gesichert. Käse wäre schön gewesen, gab's aber nicht. In einer Seitenstraße befindet sich ein “Restaurant”. Mit Schildern haben es die Kirgisen nicht so, man muss schon fragen. In dem kleinen schmucklosen Raum stehen zwei Tische. Lachman ist ein Eintopf aus Nudeln, Kartoffeln, Gemüse und Fleisch. Das schmackhafte Gericht wird in großen Töpfen vorgekocht. Dargereicht wird es in kleinen Schalen, wie man sie aus der asiatischen Küche kennt. Auch das “Ping” der Mikrowelle kommt uns bekannt vor.

Nachmittags geht es durch ein wunderschönes, enges Tal. Wellige, grüne Hügel wechseln sich mit Felsen in Braun- und Rottönen ab. Das wilde Wasser des Kökömeren rauscht meist dicht neben der Piste. Die Landschaft ist enorm abwechslungsreich, der Schotter ziemlich rau (viel Waschbrett). Rad und Fahrer werden gründlich durchgeschüttelt! Rund 5 km vor Kizil Oy finden wir einen schönen Zeltplatz - leider mit Müll und Glasscherben übersät. Ich fluche hingebungsvoll, kann ja nicht ahnen, dass der Kirgise der mit seiner Angel vom Fluss kommt, deutsch spricht. Er hat an der Uni in Zwickau Mechanik gelehrt. Seine Kinder studieren in Heidelberg und Hamburg.

Jurten in der Abfahrt vom Töö Pass  Blick über den Batish Karakol auf die Berge  Die Erosion gibt den welligen, grünen Hügeln die tollsten Formen  Spielende Kinder in Kojomkul  Im Kökömeren Tal  Raue Schotterpiste im Kökömeren Tal  Im Kökömeren Tal

Kökömeren Tal - Bash Kuugandi, 70 km, 590 Hm

Atemberaubende Landschaft und Gastfreundschaft

Faszinierende Landschaft im Kökömeren Tal

Die Strecke durch das Kökömeren Tal ist der Kracher! Hinter jeder Biegung leuchten die Felsen in anderen Farben und Formen. Die Erosion hat eine wunderbare gestalterische Kraft! Man könnte alle paar Kilometer anhalten und Fotos machen. Und genau das tun wir;-) Die Piste ist auch heute sehr anstrengend zu fahren. So kommen wir zwar kaum vorwärts, aber wer will das schon bei so einer schönen Landschaft. Kurz vor Kizil Oy recht ein Bauer sein Heu zusammen. Den Rechen zieht ein Pferd. Was für ein archaisches Bild.

In Aral gibt es ein kleines Café. Ein weites, grünes Tal prägt die Landschaft, die Berge sind in den Hintergrund gerückt. An der asphaltierten Straße liegen einige Orte. Über viele Kilometer sind chinesische Bautrupps mit Ausbau der A367 beschäftigt. Chaek ist schon fast so was wie eine Stadt. Die Läden haben etwas mehr Auswahl und es gibt ein Hotel. In den Bergen zu beiden Seiten werden die Wolken deutlich dunkler. Auch im Tal hat es sich von über 30 °C auf kaum noch 25 °C abgekühlt.

In Bash Kuugandi halten wir es für eine gute Idee im Rathaus nach einer Unterkunft zu Fragen. Da es keine gibt lädt uns die Sekretärin des Bürgermeisters zu sich nach Hause ein. Sie bauen gerade ein neues Haus aus Lehmziegeln. Wenn es hier etwas im Überfluss gibt ist es Lehm. Fließendes Wasser gibt es nicht. Das Plumpsklo steht im Garten. Zur Begrüßung wird Tee und Brot gereicht. Wir versuchen mit ein paar Bonbons unsere Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit packen sie unsere Taschen in ihr Auto und fordern uns auf ihnen auf den Rädern zu folgen. Nach gut 3 km erreichen wir einen kleinen Bauernhof. Der Sohn, ein Teenager, hat eine Verletzung am Fuß und läuft an einer Krücke. Im Fernsehen läuft die kirgisische Variante der Tagesthemen. Kurz vor Mitternacht kommt die ganze Familie zum Abendessen zusammen. Die zwei kleinen Töchter sind im Grundschulalter, die Älteste ist schon fast erwachsen. Da der Sohn etwas Englisch spricht, ergibt sogar noch ein Gespräch. Eine gute Gelegenheit einige neue Worte zu lernen, was für einige Erheiterung sorgt. Wir werden im Wohnzimmer einquartiert, wo wir unsere Isomatten ausbreiten.

Kirgiesen lassen sich gerne fotografieren  Das Kökömeren Tal liegt auf rund 1.800 m - die Berge ringsum sind bis zu 4.000 m hoch  Feixende Jungen bei Kizil Oy  Heuernte per Pferd  Im Kökömeren Tal  Im Köbük Canyon lassen die Berge dem Kökömeren besonders wenig Platz  Faszinierende Landschaft im Kökömeren Tal  Beeindruckendes Farbenspiel in den Bergen südlich des Jungal Tals

Bash Kuugandi - nahe Kara Keche Kohlemiene, 43 km, 1000 Hm

Viel landschaftliche Abwechslung auf dem Weg zum Song Köl

Die Gastfreundschaft dieser Familie hat uns sehr beeindruckt

Ohne Frühstück dürfen wir natürlich nicht gehen. Das Fladenbrot kommt frisch aus dem eigenen Ofen. Die selbstgemachte Marmelade besteht hauptsächlich aus ganzen Früchten. Der Vater lässt es sich nicht nehmen eine Runde mit Jörgs Fahrrad zu drehen.

Auf dem Weg zum Song Köl und weiter nach Ak Tal gibt es keine Orte, daher decken wir uns für 3 Tage mit Lebensmitteln ein. Auf Schotter geht es moderat bergauf. Erst durch eine offene Graslandschaft mit den schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Nach rund 17 km rücken die Berge näher zusammen. Wellige, grüne Hügel bestimmen das Bild. Das Tal wird zunehmend enger. Bald prägen steil aufragende Felsen in Rot- und Brauntönen die Landschaft, einige weisen eine deutliche Bänderung auf. Soviel Abwechslung auf so kleinem Raum hätten wir nicht erwartet.

Die Piste ist recht rau, pro Stunde kommen wir keine 10 km voran. Die zwei Hirten, die wir unterwegs treffen, fahren daher auch nicht mit dem Rad - der Esel ist doch viel bequemer. Das Wasser des Kara Keche ist klar und kalt - eine gute Gelegenheit die Flaschen aufzufüllen und sich zu waschen. Obwohl wir schon wieder deutlich über 2000 m hoch sind, ist es über 30 °C warm. Wenige Kilometer unterhalb der Kara Keche Kohlemiene finden wir einen schönen Zeltplatz mit Zugang zum Fluss. Dort zelten schon zwei Radler aus Spanien, die wir seit Sosnovka immer mal wieder getroffen haben. Auf der Südseite des engen Tals wachsen einige Nadelbäume, die Nordseite ist deutlich karger.

Wellige, grüne Hügel im Kara Keche Tal  Felsen in Rot- und Brauntönen im Kara Keche Tal  Im Kara Keche Tal auf über 2000m Höhe  Der Hirten möchte seinen Sattel nicht mit unseren tausche  Felsen mit deutlicher Bänderung im Kara Keche Tal  Dieser junge Hirte bot uns Kymys (vergorene Stutenmilch) an  Im Kara Keche Tal

Kara Keche Kohlemiene - Song Köl, 43 km, 820 Hm

Sommerweiden und Magenleiden

Dieser Hirte bittet uns auf sein Pferd zu steigen

Auf dem Weg zum 3364 m hohen Kara-Keche Pass passieren wir die gleichnamige Kohlemiene. Der Tagebau ist nur wenige Fußballfelder groß. Die handvoll Bauwagen, Bagger und LKW sind verwaist. Der menschliche Eingriff nimmt der Landschaft leider einiges von ihrem Reiz.

Östlich des Passes bestimmt eine offene, wellige Graslandschaft das Bild. Bald kommt auch der Bergsee Song Köl in Sicht, hinter dem sich rund 4000 m hohe Berge erheben. Auf den Wiesen erblicken wir immer wieder gemischte Herden aus Schafen, Kühen und Pferden. Meist sind die Jurten die Hirten nicht weit. Es ist bewölkt und um die 24 °C warm. Da ein frischer Wind weht, fühlt es sich deutlich kühler an. In langer, winddichter Kleidung und warmen Handschuhen geht es weiter. Trotzdem friere ich und muss ständig gähnen, Vorboten einer Krankheit wie sich zeigen wird.

Als wir eine Herde Ziegen fotografieren, kommt der Hirte angeritten. Nicht nur lässt er sich bereitwillig fotografieren, er bittet uns sogar auf sein Pferd zu steigen. Seinen Sattel möchte er mit unserem aber nicht tauschen. Je näher wir dem See kommen, desto mehr Jurten sehen wir. Meist sind es die Kinder die angelaufen kommen und fotografiert werden wollen. Kurz vorm Abzweig zum Song Köl interessiert sich gleich eine ganze Familie für uns. Vor allen die Karte, das GPS und die Tachos wollen sie genau ansehen. Der Vater dreht eine kleine Runde auf Jörgs Rad. Als kleines “Dankeschön” haben wir Zigaretten für die Erwachsenen und Bonbons für die Kinder dabei. Eine Gratwanderung, kommen einige Kinder womöglich nur angerannt, da die Touristen sie mit Süßigkeiten belohnen?

Der Song Köl ist 29 km lang, 18 km breit und 13 m tief. Der See liegt in einer weiten Graslandschaft auf 3020 m Höhe. Im Norden und Süden der Ebene erheben sich rund 4000 m hohe, teilweise schneebedeckte Berge. Am Ufer hat sich eine bescheidene touristische Infrastruktur etabliert. Ein halbes Dutzend Hirten haben zusätzliche Jurten aufgestellt in denen sie Reisende beherbergen. In einem diese “Yurt-Camps” können wir eine Jurte beziehen. Ich bin völlig platt und lege mich gleich hin. Nach einer Stunde muss ich mich übergeben. Ich bin nassgeschwitzt, habe 40 °C Fieber. Schlafen, viel trinken und Imodium Akut nehmen, viel mehr kann ich nicht tun. Jörg genießt derweil das Abendessen mit gebratenem Fisch in der Gemeinschaftsjurte. Abends sorgen in den 8 Gästejurten Öfen für angenehme Wärme. Als Brennstoff dient der getrocknete Dung der Tiere.

Pferde am 3364 m hohen Kara-Keche Pass  Die Kinder der Hiten freuen sich immer über ein paar Bonbons  Zwischen zwei Jurten hängt Bettwäsche zum Trocknen auf der Leine  Rund um den Song Köl grasen Schafen, Kühen und Pferde  Ein junger Hirte dreht eine kleine Runde auf Jörgs Rad  Wegweiser zum Bergsee Song-Köl  Trächtige Stute östlich des Song Köl

Song Köl

Zwangspause Abendstimmung im Yurt-Camp am Song Köl

Mich hat es voll erwischt, auch heute Morgen habe ich noch hohes Fieber. Magen und Darm müssten mittlerweile leer sein. Meine vielen Gänge zum Plumpsklo gaben mir zumindest die Gelegenheit den beeindruckenden Sternenhimmel zu bewundern. Hier ist es so dunkel, dass die Milchstraße deutlich zu sehen ist. Auch den Anblick des Sonnenaufgangs über dem See - gegen 5 Uhr morgens - hätte ich sonst wohl verpasst. Es ist schon großes Glück jetzt die Annehmlichkeiten des Yurt-Camps in Anspruch nehmen zu können. Die regelmäßige Versorgung mit frischem Tee ist gesichert.

Jörg nutzt den Ruhetag zum Waschen der Wäsche. Zu Fuß erkundet er das Seeufer und einen 200 m hohen Hügel von dem sich ein toller Blick über den Song Köl bietet. Im Camp kann er die Herstellung von Kurt (gesalzenem, zu kleinen Kugeln gerolltem Quark) beobachten und wie die Hirten die Herde zusammentreiben. Mit zwei Motorradfahrern aus Österreich und zwei Radfahrern aus Slowenien tauscht er Erfahrungen aus. Ab Mittag ziehen in den Bergen im Nordwesten im Stundentakt Regenschauer und Gewitter durch.

Mittags und abends mümmel ich jeweils fast eine Stunde an einem kleinen Stück Brot rum. Jörg genießt derweil das gute Essen im Yurt-Camp.

Der Song Köl liegt in einer weiten Graslandschaft auf 3.020 m Höhe  Der Song Köl ist von 4.000 m hohen Bergen umgeben  Regenwolken über dem Song Köl  Kurt: gesalzener, zu kleinen Kugeln gerollter Quark  Teezubereitung: in den großen Kannen wird ein Holzfeuer entzündet  Schafherde am Song Köl