Slowenien, Kroatien und Montenegro per Rad

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Villach - Kranjska Gora, 40 km, 680 Hm, Bahn Blick auf den Triglav Nationalpark

Zum Einstieg gleich ein schwerer Pass.

Am Pfingstwochenende reisen wir mit dem Zug nach Villach. Dort scheint die Sonne von einem nur leicht bewölkten Himmel. Da der Frühling dieses Jahr ungewöhnlich kalt und nass war, freuen wir uns sehr über dieses Wetter.

Mit dem Rad geht es über den Drau Radweg und den Kanarischen Radweg nach Riegersdorf am Fuße des Wurzenpasses. Die Drau ist gut gefüllt, das Bergpanorama ringsum erfreut das Auge. Der Wurzenpass ist ausgesprochen steil, selten unter 10 % und in den steilsten Abschnitten über 20 %. Es herrscht reger Verkehr, die angestrengten Motoren und Bremsen kann man deutlich riechen. Die Landschaft ist geprägt von Wald und Bergen. Der Pass markiert die Grenze zu Slowenien. In der Abfahrt haben wir das Triglav Massiv vor Augen. Der 2864 m hohe Berg in den Julischen Alpen ist der höchste Gipfel Sloweniens und Namensgeber des ihn umgebenden Nationalparks. Der markante Kalksteingipfel (Triglav = Dreikopf) ziert als Nationalsymbol Fahne, Wappen und die 50 €-Centmünze des Landes.

In Kranjska Gora kommen wir auf dem Bauernhof der Familie Košir unter. Dort werden wir in fließendem Deutsch begrüßt.

Kranjska Gora - Bovec, 73 km, 1250 Hm

Das fängt ja (gar nicht) gut an :-(

Anstieg zum Vršič Pass

Schade, was für ein verkorkster Tag. Er beginnt mit einer Überraschung. Unsere Vermieterin stammt aus Wesel im Münsterland, mit 26 hat sie ihren Job als Krankenschwester geschmissen, um zu ihrem Mann nach Slowenien zu ziehen.

Auch das Wetter überrascht uns, allerdings negativ. Des Morgens ist es bedeckt bei 10 °C. Auf dem Weg zum Vršič Pass gehen mehrfach Schauer auf uns nieder. Die Strecke ist ein Traum, immer wieder Ausblicke auf tolle Felsformationen. Ab etwa 1200 m Höhe sehen wir kleine Schneefelder. Am Pass liegen noch gut 2 m Schnee zu beiden Seiten der Straße. Der Verkehr ist zivil und alle fahren sehr rücksichtsvoll - auch die zum Teil großen Motorradgruppen. Die Steigung wechselt häufig, ist aber meist gut fahrbar. Die 24 nummerierten Kurven sind mit Kopfsteinpflaster ausgeführt.

In der Abfahrt ist die Landschaft nicht weniger spektakulär. Die grünen Hänge und grauen Felsnadeln rahmen das türkisblaue Wasser der Soča ein, das bei Wildwasserkanuten beliebt ist. Leider nimmt der Regen zu und die Temperaturen ab. Am 1611 m hohen Vršič Pass sind es nur noch 7 °C. Überschuhe, Regenhose und -jacke, zwei Schals und lange Handschuhe machen die Abfahrt erträglich. Irgendwann werden die Finger aber doch klamm.

In Bovec stärken wir uns in einer Pizzeria. Der Regen wird noch stärker, oft sind die nahen Berge völlig von Wolken verdeckt. Wir diskutieren die Optionen für die kommenden Tage und ringen uns erst nach zwei Stunden dazu durch, noch 30 km nach Volarje zu fahren. Aber der Tag meint es nicht gut mit uns! Nach 12 km fällt mir auf, dass ich die Reiseführer und Karten in der Pizzeria habe liegen lassen. So was Blödes! Zumindest ist es mittlerweile trocken. Müde und feucht suchen wir in Bovec nach einer Unterkunft und werden bald von Frau Sonja Komac angesprochen. Für 38 € kommen wir in einer kleinen Ferienwohnung mit Küche und Balkon unter. Frau Komac malt - einige ihrer Bilder dekorieren das Apartment.

Im Triglav Nationalpark  Schnee am Vršič Pass  Brücke über die Soca

Bovec - Cerkno, 90 km, 1500 Hm

Ab nach Süden.

Der Tag beginnt trocken mit Temperaturen um 16 °C. Von der Brücke über die Boka sehen wir den 106 m hohen Boka Wasserfall. In den steilen, dicht bewaldeten Bergen hängen noch Wolken und verleihen der Szenerie etwas dramatisches. Bis Kobarid rollt es gut, die Straße ist mittlerweile trocken und zwängt sich in einigen Abschnitten dicht an den Felswänden vorbei. Links unter uns rauscht die Soča mit ihrem türkisblauem Wasser. In Kobarid machen wir einen Abstecher zum Kozjak Wasserfall, der in einer engen Schlucht dramatisch in ein Becken stürzt. Der Fußweg dorthin ist zum Teil recht schlüpfrig, da die Steine nass sind. Die letzten Meter des Pfades führen über in den Fels gehauene Stufen.

Auf dem Weg nach Tolmin werden wir erst kräftig geduscht, dann scheint wieder die Sonne. Aufgrund des regnerischen Wetters ändern wir unsere Route. Anstatt zum See von Bohinj im Triglav Nationalpark zu fahren, biegen wir schon in Grahovo ob Bači Richtung Süden ab. Die Sonne scheint und mittlerweile hat es sich auf 20 °C erwärmt - Zeit die Regensachen auf die Taschen zu schnallen. Die Strecke über Bukovo nach Cerkno ist ausgesprochen schön. Es geht durch Buchenwald (Bukovo = Buche) über einen 700 m hohen Berg. Im Wald liegen einige Wiesen, Bauernhöfe und kleine Dörfer. Immer wieder eröffnen sich schöne Ausblicke. Erst auf die wolkenverhangenen, bis zu 2864 m hohen Berge des Triglav Nationalparks, dann auf die grünen Mittelgebirge im Süden, über denen die Sonne scheint.

In Cerkno gibt es ein Hotel und das Apartment Florjančič. Für 40 € bekommen wir eine geräumige Ferienwohnung. Im Ort laufen die Vorbereitungen für das große Jazzfestival am kommenden Wochenende. Unsere Vermieter sprechen nicht das beste Englisch, sind aber sehr um unser Wohlbefinden bemüht.

 Kozjak Wasserfall  Kleiner Tunnel im Baca Tal bei Kneza  Wasserfall neben der Straße nach Bukovo  Aussicht von Bukovo auf die grünen Mittelgebirge im Süden

Cerkno - Postojna, 69 km, 1130 Hm

Burg von Predjama

Karst und Höhlen.

Nach einer herzlichen Verabschiedung rollen wir das grüne Tal der Cerknica herunter. Die dicht bewaldeten Berge auf beiden Seiten sind bis zu 900 m hoch. Im Tal der Idrijca ein ganz ähnliches Bild, nur das es jetzt bergauf geht. Der Verkehr ist OK, obwohl auf der Hauptstraße auch LKW fahren. Über mangelnde Rücksichtnahme können wir uns nicht beschweren. Hinter Idrija nimmt die Steigung zu. In Godovič haben wir 550 m Höhe erreicht.

Nach der Mittagspause biegen wir auf die Nebenstraße nach Lome ab. Wiesen und Äcker, vor allem aber Karsterscheinungen wie Dolinen bestimmen die Landschaft. Auf vielen Weiden sind Ansammlungen von Kalksteinfelsen zu sehen. Hinter Lome geht es auf einem unbefestigten Weg durch dichten Buchen- und Fichtenwald. In Lome hat uns eine junge Bäuerin bestätigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, sonst hätten uns wohl irgendwann Zweifel beschlichen. Es geht recht steil über einen 960 m hohen Berg. Auch im Wald sind Kalksteinfelsen und Dolinen allgegenwärtig. Mancherorts besteht der Waldboden mehr aus Felsen als aus Erde und wir fragen uns, wie die Bäume Halt finden. Ein wunderschöner Wald, in dem man leicht an Sagengestalten wie Trolle denkt.

Bis kurz vor Huršca bleibt der Weg unbefestigt. Nach Überquerung der Straße 621 gibt es zum Glück wieder Hinweisschilder. Das Wetter ist durchwachsen, mal sonnig und angenehme 22 °C warm, dann bewölkt und 12 °C kühl. Die Burg von Predjama ist eindrucksvoll in den Eingang einer riesigen Höhle, in eine senkrechte Felswand gebaut.

Bei den berühmten Höhlen von Postojna treffen wir noch rechtzeitig zur letzten Führung um 17 Uhr ein. Die Gruppe ist klein, vielleicht 25 Personen. Neben der Vielfalt der Tropfsteine beeindrucken uns vor allem die riesigen Ausmaße der Höhlen. Alles ist professionell und straff organisiert, sodass leider nur wenig Zeit bleibt diese Naturwunder auf sich wirken zu lassen.

Als wir aus der Höhle kommen, regnet es und die Temperaturen sind mal wieder im Keller. Wir nehmen das erste Zimmer, das wir finden. 42 € für das einfache Zimmer ist vergleichsweise teuer. Da wir beide leicht erkältet sind, ist der Campingplatz aber keine ernsthafte Alternative.

Doline: Runde Karsttrichter mit Durchmessern und Tiefen von 2 bis wenigen hundert Metern. Sie entstehen durch Lösungsvorgänge an der Erdoberfläche, bevorzugt in weichen Gesteinen wie Kalk oder Kreide.

Kalksteinfelsen im Wald südlich von Lome  Im Wald Südlich von Lome

Postojna - Crni Lug (Risnjak Nationalpark), 97 km, 1410 Hm

Viel Wald und ein Bär.

Natursteinbrücke über der Fluß Rak

Der Tag beginnt trocken. Nach wenigen Kilometern parallel zur Autobahn biegen wir in das ruhige Tal des Rak ein. Die Gegend steht unter Naturschutz, die Straße ist nicht befestigt. Spektakulär sind vor allem die zwei Natursteinbrücken. Sie sind die Überreste der Höhle, durch die der Fluss einst floss.

Von Cerkinca geht es ostwärts durch ein weites Tal mit üppigen Wiesen, eingerahmt von bewaldeten über 1100 m hohen Bergen. Holz-LKW und Sägewerke zeugen vom Holzreichtum der Gegend. Im Westen ist noch der 1800 m hohe Snežnik mit seinen Schneefeldern zu erkennen. Auf der Straße 213 geht es ruhig zu, alle paar Kilometer passieren wir einen kleinen Ort. Hinter Iga Vas steigt die Straße stetig an und verschafft uns einen schönen Ausblick über das Tal aus dem wir kommen. Es ist mittlerweile rund 20 °C warm.

Wir verlassen Slowenien. In Kroatien klettert die Straße auf 900 m, stürzt hinab auf 600 m und erklimmt erneut 900 m, bevor es hinunter nach Crni Lug (auf 700 m) geht. Meist bestimmt Wald das Bild, nur selten gibt es Aussichten.

Auf der Abfahrt erblicke ich hinter einer Kurve ein großes, pelziges, braunes Etwas am Straßenrand. Noch bevor ich begreife, dass es ein Braunbär ist, schlüpft dieser unter der Leitplanke durch und flüchtet in den Wald. Wow!! Ich bremse so stark, dass Jörg mir fast hinten drauf rauscht. Leider verbergen mal wieder Bäume den Blick, sodass es für mich bei dieser extrem flüchtigen Begegnung bleibt. Jörg hat mehr Glück, sieht noch, wie sich der Bär über eine Lichtung davon macht.

Crni Lug ist ein kleines Dorf. Wenige Meter vom Eingang zum Risnjak Nationalpark bekommen wir für 40 € eine schöne Ferienwohnung (Risnjak = Luchs). Des Abends schnuppern wir auf einem 4,5 km langen Spaziergang in den Nationalpark rein. Die waldreiche Gebirgsregion ist von vielfältigen Karsterscheinungen geprägt.

Crni Lug - Senj, 99 km, 1530 Hm

Der Bora pustet uns kräftig durch.

Steile Abfahrt von Zlobir nach Hreljin

Heute war das Wetter DER bestimmende Faktor und hat die Tour überaus anstrengend gemacht. Los geht es Morgens bei 7 °C und leichtem Nieselregen. So sind mal wieder alle wärmenden und regenabweisenden Kleidungsstücke im Einsatz. Durch einsame Waldlandschaft geht es überaus hügelig zum Lokvarsko See, an diesem vorbei und über Fužine Richtung Küste. Bald hört der Regen auf, dafür haben wir es zunehmend mit starkem Wind zu tun. Mal schiebt er uns mit Tempo 35-40 vor sich her, um unvorhersehbar von vorn zu kommen, was einer Vollbremsung sehr nahe kommt. Die Landschaft ist von Wald und Karsterscheinungen, wie Dolinen und Kalksteinfelsen, geprägt und recht reizvoll. Letzteres trifft auf die meisten Orte leider nicht zu. Bis Zlobin bewegen wir uns auf einer Höhe von bis zu 900 m. Die Strecke ist ziemlich “wellig”, die Höhenunterschiede betragen bis zu 200 m, Abfahrten und Anstiege sind mit 10-18 % ganz schön knackig. Das gilt auch für den Weg hinunter nach Hreljin.

Uns dämmert allmählich, dass wir es mit dem berüchtigten Fallwind Bora zu tun haben. Der sehr starke Wind wechselt immer wieder unvermittelt die Richtung. Innerhalb einiger hundert Meter können sich Rücken-, Gegen- und Seitenwind abwechseln. Wir müssen uns voll konzentrieren, um einigermaßen am Straßenrad zu fahren. Gut, dass kaum Verkehr ist.

Im geschützten Tal rund um Drivenik wird es spürbar wärmer, der Wind bleibt uns aber erhalten. Es wird Wein angebaut. Zu unserer Linken erheben sich bewaldeten Berge, die letzten felsigen Meter ragen sie fast senkrecht auf. Südlich von Gričane geht es noch mal kräftig eben diese Berge rauf.

Die Küstenstraße ist eine echte Herausforderung! Der böige Wind macht geradeaus Fahren äußerst schwierig. In einer Bucht kommt der Wind mit einer Kraft von vorn, dass Fahren selbst im kleinsten Gang unmöglich ist. Einige hundert Meter kommen wir nur schiebend voran und selbst das ist ein Kraftakt. Baustellen erschweren uns das Leben zusätzlich, so haben wir kaum Blicke für die karge Insel Krk. Das Meer ist aufgewühlt, sogar eine Windhose sehen wir. Boote und Fähren können wir hingegen keine erspähen. Der Kampf mit dem Bora bestimmt unseren Weg nach Senj. Der Verkehr auf der Küstenstraße ist so früh im Jahr zum Glück noch recht moderat und auch über mangelnde Rücksichtnahme können wir uns nicht beklagen.

In Senj machen wir erstmals die Erfahrung, dass einfaches “auf den Stadtplan schauen” reicht, um ein Zimmer zu finden. Auf eine Offerte mussten wir nie lange warten. Auch heute dauert es keine Minute. Für 30 € bekommen wir ein klasse Apartment mit Blick auf die Adria.

Senj - Poljanak (Plitvicer Seen), 96 km, 1870 Hm

Regenschlacht im ehemaligen Kriegsgebiet.

Des Morgens geht es noch ganz vielversprechend los. Der Wind hat sich abgeschwächt und zwischen den Wolken lugt hin und wieder die Sonne raus. Wir radeln auf der Nebenstraße über Klaricevac zum Vratnik Pass. Das Wolkenspiel über Krk ist schön zu beobachten und führt zu einem interessanten Schattenspiel auf der Insel. Mit 14-16 °C ist es noch angenehm. Die Vegetation ist karg und recht niedrig, die Kiefern vielleicht 5-6 m hoch - eine Folge der wiederkehrenden starken Fallwinde.

Blick auf Senj und die Insel Krk

Am Pass ändert sich das Wetter. Der Wind ist weg, dafür fallen die Temperaturen spürbar und es beginnt zu regnen. Nach wenigen Kilometern auf der Hauptstraße biegen wir auf die Nebenstraße über Drenov Klanac ab. Viele der verstreut liegenden Häuser und Höfe weisen noch Spuren des Balkankrieges auf. Oft fehlt das Dach und Teile der Außenfassade. Etliche weisen Brandspuren auf, in einigen wachsen Bäume und Büsche. Zeichen eines Neuanfangs sind äußerst spärlich. So wirkt die Gegend fast menschenleer. Der Regen variiert in der Stärke, nimmt aber tendenziell zu. Das graue, ungemütliche Wetter verstärkt die Wirkung der zerstörten Gebäude.

In Dabar können wir uns in einem verrauchten, kleinen Café ein paar Minuten an einem Kaffee aufwärmen. Wir wären gerne länger geblieben, aber der Wirt muss noch einem Verwandten helfen. Mittlerweile hat sich zum Regen auch noch ein Gewitter gesellt. In den Bergen auf rund 800 m “scheppert” das schon recht anständig. War die Gegend bis hier her schon äußerst spärlich besiedelt, so geht es die nächsten 20 km durch einsamen Bergwald. Am Wegesrand warnen Schilder vor Minen. Wir kämpfen mit immer heftigerem Regen, Hagel, Gewitter und Temperaturen von 4 °C. Auch das Dorf Lička Jesenica ist vom Krieg gezeichnet und besitzt kein Café. So kämpfen wir uns die fast 100 km mit ein paar Keksen und einem Kaffee durch. Die Hände sind klamm und am Ende schüttet es wie aus Eimern. In den Abfahrten zittern wir vor Kälte und irgendwann können auch die Regensachen die Fluten nicht mehr gänzlich zurückhalten.

Völlig durchgefroren und hungrig kommen wir in Poljanak an. Wir nehmen die erste Unterkunft die wir sehen. Eine heiße Dusche, trockene Klamotten und die Welt sieht schon wieder viel besser aus. Wie zum Hohn scheint bald nach unserer Ankunft die Sonne von einem blauen Himmel. Der kroatische Wettergott will uns offensichtlich vera...n!