Rumaenien per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Karlsruhe - Sibiu, Anreise

Rumänien empfängt uns mit tollem Wetter.

Wasserspiel auf dem Piarta Mare in Sibiu

Nach zweistündigem Flug landen wir in Sibiu (Herrmanstadt). Rumänien empfängt uns mit 30°C und blauem Himmel. Der Flughafen von Sibiu ist klein aber modern. Heute landen hier über den Tag verteilt lediglich 5 Maschinen. Vom Flughafen führt eine breite 4‑spurige Straße in die Stadt. Über den Fahrstiel der Rumänen hatten wir mehrfach negatives gelesen. Darum haben ich eine Strecke über kleine Nebenstraßen ausgetüftelt. Es ist daher eine positive Überraschung, dass der Verkehr auf der Hauptstraße bei weitem nicht so stark und “bedrohlich” ist wie angenommen. Die zweite Überraschung sind die Nebenstraßen, die sich als von Schlaglöchern und Spurrillen gespickte Erdwege entpuppen. In der Stadt angelangt sind wir angenehm überrascht von der Rücksichtnahme der Autofahrer.

Ohne Probleme erreichen wir unser erstes Ziel, das Old Town Hostel auf dem Piata Mica (kleinen Platz). Hier wartet gleich die nächste Überraschung auf uns. Eine große Bühne und ziemlich laute Musik. Dies sind offensichtlich die Vorbereitungen für eine Veranstaltung heute Abend. Wir haben Betten in einem 10‑Bettzimmer reserviert - mit Blick auf die Bühne. Uns beschleicht der Verdacht, dass es eine kurze Nacht wird.

Sibiu war 2007 Kulturhauptstadt Europas. Dafür wurde der mittelalterliche Stadtkern mit viel Aufwand renoviert. Die drei zentralen Plätze Piata Mare (großer Platz), Piata Mica und Piata Huet, sowie einige daran anschließende Straßen und Plätze sind eine wahre Augenweide. Alles ist schön und sauber. Cafés und Restaurants reihen sich aneinander und bieten unzählige Sitzplätze auf den Plätzen und Gassen an. Um den Piata Mare sind mit dem Brukenthal-Museum, dem Rathaus und der katholischen Kirche einige der eindrucksvollsten Gebäude versammelt. Kinder vergnügen sich mit einem Wasserspiel mitten auf dem Platz. Neun in einem Quadrat angeordnete Fontänen spritzen in unregelmäßigen Abständen Wasser senkrecht in den Himmel. Die Kinder machen sich einen Spaß daraus zwischen den Wasserstrahlen durch zu laufen. Es herrscht eine fast schon mediterrane Atmosphäre. Die Menschen wirken entspannt und fröhlich.

An Geldautomaten, Supermärkten, Kiosken und Handy-Läden herrscht kein Mangel. Mode-, Schuh- und Schmuckläden fehlen dagegen ebenso, wie die bei uns so verbreiteten Fastfoodketten und Elektronikmärkte. Wir sehen viele recht aktuelle Autos von VW, Skoda, Renault und Dacia. Alte “Klapperkisten” sind eher die Ausnahme. Wir brauchen Bargeld, eine Gaskartusche und Lebensmittel. Da die Innenstadt sehr kompakt ist, haben wir alles nach einer guten halben Stunde. Die Preise für Grundnahrungsmittel sind geringer als in Deutschland. Markenartikel und die Gaskartusche kostet so viel wie daheim.

Den Rest des Tages bummeln wir durch die Innenstadt, bewundern die historischen Baudenkmäler und genießen das schöne Wetter und die angenehme Atmosphäre. Wir lassen uns in einem der vielen Restaurants nieder, essen Pizza und trinken ein Bier. Beim Zahlen kommt Freude auf. Alles zusammen kostet so viel wie in Deutschland eine Pizza - umgerechnet 12€. Abends steigt dann auf dem Piata Mica die Party. Ein Modemacher zeigt auf der Bühne seine neuesten Modelle. Der Laufsteg überquert dabei die Strada Ocnei (Burgengasse). Der Platz ist voll, es ist immer noch angenehm warm. Wir setzen uns auf die Stufen vor dem Casa Hermes und beobachten das bunte Treiben auf dem Laufsteg und auf dem Platz. So westlich, so modern und so lebensfroh hatten wir uns Sibiu nicht vorgestellt - obwohl wir wussten, dass die Stadt sehr fortschrittlich ist. Gegen Mitternacht wird es ruhig auf dem Platz und wie finden endlich Schlaf.

Evangelische Stadtpfarrkirche im Sibiu  Vor dem Brukenthal-Museum in Sibiu

Sibiu - Hosman, 54,2km, 374 hm

Von der Moderne in die Vergangenheit.

Kirchenburg in Cisnadie

Als wir los radeln ist es 30°C heiß und wolkenlos. Wir verlassen Sibiu Richtung Süden durch den Sub Arini Park (in dem es einen Radweg gibt) und weiter vorbei am Zoo und dem ASTRA-Museum (einem großen Park, in dem historische Gebäude aus ganz Rumänien zu sehen sind). So lassen wir den Stadtverkehr schnell hinter uns und radeln die meiste Zeit durch Wald. Die Autofahrer zeigen sich auch heute rücksichtsvoll. Auf der Straße nach Cisnadioara (Michaelsberg) ist dann kaum noch Verkehr. Auf einem Bergkegel 70m oberhalb des Ortes liegt eine der ältesten romanischen Basilika Siebenbürgens.

Auf dem Weg nach Cisnadie (Heltau) weicht der Wald einer offenen Landschaft. Auf dem Platz vor der Kirchenburg sitzen einige ältere Menschen auf Bänken im Schatten eines Baumes. Auch wir nutzen den gastlichen Platz für unsere Mittagspause. Die Kirchenburg ist in einem guten Zustand. Gegen 5 Lei Eintritt pro Person (ca. 1,20€) können wir sie besichtigen. Die Kirche ist von zwei Wehrmauern umschlossen, hinter die sich die Bewohner im Kriegsfall zurückziehen konnten. In den äußeren Mauerring ist unter anderem das Pfarrhaus integriert. Im Inneren sind noch Vorratskammern und der Wehrgang erkennbar. Es ist erstaunlich ruhig. Auf dem Dach der Kirchenburg haben Störche eine Heimat gefunden.

Kirchenburg in Hosman

Von Mohu aus folgen wir dem Harbachtal. Die ersten 7 Kilometer führen uns über eine “Nebenstraße”. Wobei Straße ein höchst unzutreffender Begriff ist. Der Feldweg ist mal steinig mal sandig und dann wieder kaum von den umliegenden Wiesen zu unterscheiden. An einigen Stellen steht Wasser in kleinen “Seen”. Immer wieder gibt es tiefe Fahrspuren. Die Schienen der historischen Harbachbahn erleichtern uns die Orientierung. Wir sind froh das es nicht regnet. Im nassen Zustand wären die Grenzen des fahrbaren wohl schnell erreicht. Allerdings braut sich hinter uns langsam aber sicher ein Gewitter zusammen. Hinter Casolt (Kastenholz) ist die Straße wieder asphaltiert. Die Landschaft ist offen, viele Wiesen sind unbewirtschaftet. Nur rund um die Orte wird kleinteilige Landwirtschaft betrieben. Leider sind die Berge des Fagaras-Gebirges im Süden mit Wolken verhangen, sodass wir sie nicht sehen können.

Am frühen Nachmittag erreichen wir das kleine Dorf Hosman (Holzmengen). Kinder spielen auf der löchrigen Straße, eine Kuh grast ruhig unter einer Kastanie. Die Kirchenburg ist verschlossen. Der Regen setzt langsam ein. Im Ort gibt es die Möglichkeit in einem historischen Pfarrhaus zu übernachten. Als sich das Wetter weiter verschlechtert und im Norden ein Gewitter vorbeizieht beschließen wir diese Option zu nutzen. Allerdings ist das Pfarrhaus verschlossen und verweist. Telefonisch erreichen wir Herrn Ziegler in Sibiu. In der Stunde die Herr Ziegler braucht um von Sibiu nach Hosman zu fahren, wollen wir die Kirchenburg besichtigen. Den Schlüssel hat Herr Michaelis, der am Ortseingang wohnt - wie wir jetzt wissen. Die Kirchenburg ist schön, der Renovierungsbedarf allerdings augenfällig. Die dreischiffige romanische Basilika wurde um 1270 errichtet. Das Gotteshaus wird von einer doppelten Ringmauer umgeben. Der Eingangsturm ist mit einem Fallgatter ausgestattet. Auf den Bänken liegen deutschsprachige Gesangsbücher. Zwischen Kirche und Wehrmauer steht das Gras knie hoch.

Die Bevölkerung von Hosman scheint heute vorwiegend aus Roma zu bestehen. Die Kinder betteln uns auf unseren vier Fahrten durchs Dorf (beim Holen und Zurückbringen des Schlüssels) nach Süßigkeiten an. Insgesamt sind die Leute aber freundlich. Im Magazin Mixed (der rumänischen Variante des Tante Emma Ladens) gibt es die nötigsten Lebensmittel. Auch eine Kneipe gibt es. Im Vergleich zu Sibiu aber eine andere Welt, arm und rückständig.

Historiker Ziegler gibt uns die Schlüssel, zeigt uns das Haus und fährt zurück nach Sibiu. Das Pfarrhaus ist in erster Linie für Jugendfreizeiten gedacht - nicht für zwei Nasen die nur eine Nacht bleiben. Es gibt drei Räume mit Stockbetten für 24 Personen, eine Küche, Klos und Duschen mit fließend warm Wasser. So kann es gehen. Letzte Nacht mit 10 Leuten in einem Zimmer, heute ein ganzes Haus für uns allein. Und es ist ruhig, absolut ruhig.

Wissenswertes zum Thema

Siebenbürger Sachsen: Ab Mitte des 12. Jahrhunderts kamen auf Einladung des ungarischen Königs Siedler aus Deutschland in das “Land hinter den Wäldern” also nach Transsilvanien. Das Gebiet war damals nach wiederholten Überfällen von Mongolen und Tataren nahezu entvölkert. In Ungarn war damals der Begriff “Sachsen” für Deutsche gebräuchlich (im Englischen werden wir ja noch heute als “Germanen” bezeichnet). Den deutschen Siedlern wurde im “Goldenen Freibrief” von 1224 vom ungarischen König weitreichende Privilegien gewährt. Die “Sachsen” unterstanden als freie Bürger und Bauern direkt dem König. Über Politik, Verwaltung und Gerichtsbarkeit durften sie in den sieben Burgstädten (Bistritz, Brasov, Cluj, Medias, Sebes, Sibiu und Sighisoara) selbst entscheiden. Bis Ende des 19. Jahrhunderts genossen die Siebenbürger Sachsen weitgehende Unabhängigkeit und entwickelten eine reiche Kultur. Danach nahmen die Spannungen mit den Rumänen und Ungarn stetig zu. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs begannen Verschleppung, Zwangsarbeit und der Verkauf an Deutschland. Nach der Revolution 1989 kehrten auch ein Großteil der Verbleibenden Rumänien den Rücken. So ist heute die Kultur der Siebenbürger Sachsen vom Aussterben bedroht und viele ihrer Baudenkmäler vom Verfall.

Kirchenburgen: Ab Ende des 14. Jahrhunderts weckte der Wohlstand der Siebenbürger Sachsen Begehrlichkeiten. Überfalle durch Türken mehrten sich. Um der Gefahr zu begegnen befestigen die Sachsen ihre Kirchen und umgaben sie mit wehrhaften Mauern, hinter denen alle Bewohner des Dorfes Schutz fanden. Im Laufe der Zeit wurden die Kirchen immer stärker befestigt. Viel hatten am Ende zwei oder sogar drei Mauerringe. Um auch längere Belagerungen zu überstehen, wurden innerhalb der Mauern Vorratsräume eingerichtet. In einigen Fällen sind auch Werkstatt- und Schulräume in die Kirchenburg integriert worden. Ein Vorteil der Wehrkirchen bestand darin, dass sie mitten in den Dörfern lagen und somit schnell erreichbar waren. Die Siebenbürger Sachen waren Protestanten. Wohl auch deshalb ist der Baustiel der Kirchenburgen meist schlicht.

Hosman - Schäßburg, 80,7 km, 489 hm

Siebenbürgen im Regen.

Kirchenburg in Biertan

Wir haben geschlafen wie Steine. Des Morgens regnet es, die Temperaturen sind auf 15°C abgestürzt. Beim Frühstücken lassen wir uns Zeit und starten erst als es etwas heller wird. Nach wenigen Kilometern setzt der Regen aber wieder ein. Die Regenmengen sind so groß, dass das Wasser an einigen Stellen in Bächen über die Straße läuft.

Die frisch asphaltierte Straße ist leicht hügelig, die Landschaft offen. Immer wieder sehen wir terrassierte Hügel, auf denen früher wohl Wein angebaut wurde. In Barghis kaufen wir Wasser und Brot. Die Leute am Laden machen einen armen Eindruck, sind aber freundlich und sprechen uns an. Schade, dass wir kein rumänisch verstehen. Aber sie fragen wohl woher wir kommen und wohin wir gehen und können nicht verstehen, dass wir bei dem Wetter mit dem Rad fahren.

In Richis laufen uns Kinder hinterher, sie wollen wohl Süßigkeiten - rufen “Gummi, Gummi”. Bisher hielt sich die Stärke des Regens in Grenzen. Zwischen Richis und Biertan zieht dann ein heftiges Gewitter mit sehr starkem Regen über uns hinweg. Das ist schon richtig ungemütlich und in Biertan sind dann auch unsere Schuhe komplett vollgelaufen. Da nützt es auch nichts mehr, dass wir sie dick mit Vaseline eingeschmiert haben. Das Restaurant unterhalb der Kirchenburg kommt uns daher sehr gelegen. Erstmal aufwärmen! Eine heiße Schokolade, ein Teller Suppe und die Welt sieht schon wieder besser aus. Das Ambiente ist recht schick, ein wenig mittelalterlich mit Ritterhelmen und Ritterrüstungen an den Wänden. Trotzdem ist es nicht teuer und niemand stört sich daran, dass wir tropfnass sind.

Die Kirchenburg von Biertan erhebt sich auf einem steilen Hügel inmitten des Ortes. Sie wurde 1993 von der UNESCO ins Weltkulturerbe aufgenommen und gehört zu den bekanntesten in ganz Siebenbürgen. Der Ort ist im Mittelalter durch Weinbau reich geworden und hat eine prächtige Kirche mit Facettendecke und einem beeindruckenden Flügelaltar erbaut. Das Biertan von 1572 bis 1867 Sitz des evangelischen Bischofs von Siebenbürgen war hat sicher auch zur aufwändigen Ausgestaltung der Kirche beigetragen. Um die gotische Hallenkirche wurden 3 Ringmauern mit neun Türmen und Basteien erbaut. Als wir die Kirchenburg besichtigen ist es für 20 Minuten trocken und auch die Sonne lugt kurz raus. Dann gewittert und regnet es aber auch schon wieder. Wir sitzen das Gewitter in der Kirche aus, versuchen die Details zu erkennen von denen wir gelesen haben. Wir sind erstaunt, dass trotz der großen Bekanntheit Biertans die Anzahl der Touristen doch sehr überschaubar ist.

Den Rest der Strecke bis Sighisoara (Schäßburg) bleibt es zu unserer großen Überraschung trocken. Die Hauptstraße 14 ist gut vergleichbar mit einer größeren Landstraße in Deutschland. Nach vielen Kilometern auf kaum befahrenen Straßen müssen wir uns erst wieder daran gewöhnen ganz rechts und hintereinander zu fahren. In Schäßburg kommen wir im kleinen Bed&Breakfast der Familie Kula unter. Herr und Frau Kula haben sich einige Worte Englisch angeeignet, so klappt die Verständigung ganz gut. Unsere Räder werden sicher in der Garage verstaut. Das Zimmer ist groß und sauber. Das Mobiliar ist ein Mix aus alten Schlaf- und Wohnzimmermöbeln. Im Wohnzimmerschrank stehen einige französische Bücher. Hinterm Haus gibt es einen Gemüsegarten und einen Stall mit neun Hühnern. Das hätten wir in einer so engen Altstadt wie hier in Schäßburg nicht erwartet.

Als wir zu unserem Stadtrundgang aufbrechen ist es schon 20 Uhr. Es ist nicht mehr viel los. Das historisches Zentrum Schäßburgs wurde 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Die mittelalterliche Oberstadt, die sie umschließende Stadtmauer und Wehrtürme sind nahezu vollständig erhalten. Die überschaubare Altstadt erbebt sich auf einem Bergrücken rund 80m über die Unterstadt. Das markanteste Bauwerk ist der Stundturm mit seinem Figurenwerk und bunt glasierten Dachziegeln. Am Südende thront die Bergkirche über der Altstadt. Sie ist über die 175 Stufen der überdachten Schülertreppe zu erreichen. Schön sind auch die schmalen und teils steilen Gassen mit ihren bunten Häusern.

Überflutete Straße  Kirche in Barghis  Kirchenburg in Biertan  Kirchenburg in Biertan  Das Siebenbürger Straßendorf Saros  Stundturm in Sighisoara  Wehrturm in Sighisoara 

Schäßburg - Viscri, 83,7 km, 814 hm

Auf kleinen Straßen durch Siebenbürgen.

Ziehbrunnen in Soars

Des Morgens hat sich das Wetter wieder beruhigt. Es ist gut 22°C warm und sonnig. Am Ortsausgang gibt es einen Supermarkt. Obwohl Sonntag ist hat er geöffnet. Die Straße 16 ist gut befahrbar und sehr verkehrsarm. Na ja, einige Schlaglöcher müssen wir schon umkurven. Landschaftlich wechseln Wald und Wiesen ab, wobei letztere deutlich überwiegen. Die Strecke ist recht hügelig, der Wind aber meist auf unserer Seite.

In der Ortsmitte von Apold steht eine recht große Kirchenburg auf einem kleinen Hügel. Fast verschwindet sie hinter den vielen alten Bäumen. Die Kinder des Dorfes spielen auf der Straße und lassen es sich nicht nehmen uns mit großem Geschrei einige Meter hinterher zu rennen. Die kleine turmlose Kirchenburg von Bradeni, die Andreaskirche von Henndorf, wurde offensichtlich erst vor kurzem renoviert.

Retis ist ein schönes Beispiel für ein siebenbürgisches Straßendorf. Die schmale Frontseite der Häuser zeigt zur Straße. Daran schleißt sich eine hohe gemauerte Toreinfahrt an, die nahtlos bis an das Haus des Nachbarn reicht. So entsteht eine durchgehende Häuserfront aus Häusern und Toreinfahren. Die sehr geschlossenen Dörfer entstanden nach strengen Regeln. Die Höfe sind typischerweise drei bis vier mal so lang wie breit. Auf das Wohnhaus an der Straße folgen der Geräteschuppen und die Ställe. Den Abschluss bildet die Scheune, die parallel zum Tor errichtet wurde. Zu beiden Seiten der eher schmalen Straße schließt sich ein Grünstreifen und ein breiter Graben an. So wirkt die Ortsdurchfahrt durchaus großzügig.

Die Straße nach Barcut ist geschottert. Schlaglochslalom ist angesagt. Da wir fast alleine sind, fahren wir auf der Straßenseite, die gerade im besseren Zustand ist. Viele kleine Anstiege und Abfahrten machen die Sache zusätzlich anstrengend. Im Dorf Barcut stehen frisch gestrichene Häuser neben halb Verfallenen. Wir stellen uns die Frage wie die Kinder hier zur Schule kommen. PKW kommen auf der schwierigen Schotterstrecke kaum schneller voran als wir mit dem Fahrrad. Da fällt uns die Vorstellung an einen Schulbus schwer. Daran, dass Pferdefuhrwerke noch zum Ortsbild gehören haben wir uns hingegen mittlerweile schon fast gewöhnt.

Am Ortseingang von Soars steht ein Ziehbrunnen, mit dem Viehtränken mit Wasser gefüllt werden. Der Brunnen, nutzt ein Jahrhunderte altes Prinzip bei dem mit einem langen hölzernen Hebel der Eimer aus der Tiefe geholt wird. Brunneneinfassung und Viehtränken sind allerdings aus Beton. Eine interessante Kombination aus historischen und modernen Elementen.

Kirchenburg in Viscri

Auf dem Weg nach Valeni beschert uns ein Hügel einen wunder schönen Blick über die Landschaft. Von oben sieht die von Wiesen und ein paar kleinen Feldern geprägte Gegend sehr friedlich, fast schon idyllisch aus.

Die letzten 8km nach Viscri (Deutsch-Weißkirch) sind dann noch mal richtig anstrengend. Schotterpiste, Hügel und Gegenwind zerren an unsern Kräften. Viscri lag schon immer abseits der Haupthandelsrouten und wurde daher kaum überfallen. Dies hat dazu geführt das Ortskern und Kirchenburg besonders gut erhalten sind. Beides ist seit 1999 als UNECSO Weltkulturerbe geschützt. Viscri hat sich dem sanften Tourismus verschrieben und gilt als Geheimtipp in Sachen Kultur der Siebenbürger Sachsen. Bei der schlechten Straße ist mit Sicherheit kein Massentourismus zu erwarten. In der markanten, weiß gestrichenen Kirchenburg sind neben uns keine zehn weiteren Besucher. Die alte Frau, die die 4 Lei Eintritt kassiert ist eine der letzten deutschstämmigen im Ort. Von den 450 Einwohnern Viscris haben heute weniger als 8% deutsche Wurzeln.

Nach ein wenig suchen finden wir gegenüber der Schule - auf dessen Dach ein Storchenpaar nistet - ein Zimmer für die Nacht. Unsere Räder stehen sicher im Holzschuppen des Siebenbürger Hofes. Im Bad gibt es fließend warmes Wasser. Dafür steht unterm Waschbecken eine elektrische Wasserpumpe, die bei jedem Griff zum Wasserhahn brummend anläuft. Des Abends werden die Tiere durchs Dorf zurück in die Ställe getrieben. Außerdem bringen die Bauern ihre Milch zur Molkerei. Einige mehrere große Kannen mit einem Pferdewagen, andere nur einen Eimer zu Fuß. Einen Augenblick lang fühlen wir uns tatsächlich um hundert Jahre zurückversetzt.

Kirchenburg in Bradeni  Pferdefuhrwerke in Retis  Das Siebenbürger Straßendorf Retis  Idyllische Landschaft bei Valeni  Kirchenburg in Viscri  Pferdefuhrwerke in Viscri  Störche in Viscri  Freilaufende Kuh in Viscri 

Viscri - Zetea, 89,4 km, 587 hm

Von Siebenbürgen ins Szekler-Land.

Repser Burg

Heute ist es recht freundlich. Vormittags ist es meist bedeckt, nachmittags gewinnt die Sonne immer mehr die Oberhand. Die Temperaturen liegen um die 20°C. Der Wind weht den ganzen Tag über aus Nordwest, was uns das Leben bisweilen durchaus schwer macht.

In Rupea gibt es einen Supermarkt. Die kleine Stadt zu Füßen der Repser Burg war früher Sitz des Repser Stuhls, also eine Kreisstadt. Man sieht dem Ort auch heute noch an, dass er mal bedeutend war. In der Dorfmitte von Homorod steht eine wehrhafte Kirchenburg mit zwei Wehrmauern und drei großen Türmen. Auf dem Weg nach Cata kommen wir an einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb vorbei. Die Gebäude haben unverkennbar sozialistischen Charme. Der Betrieb wir noch bewirtschaftet und trägt damit wohl zum bescheidenen Wohlstand der umliegenden Orte bei. Auch Cata hat ein kleine Kirchenburg und gepflegte Siebenbürger Höfe zu bieten. Unsere Aufmerksamkeit gilt aber den Störchen, die auf dem Kirchendach und einigen Strommasten nisten.

Wir verlassen nun das historische Gebiet der Siebenbürger Sachsen und kommen ins Szekler-Land in der Provinz Harghita. Die Szekler (oder Szekely) sprechen ungarisch, die genaue Herkunft der Volksgruppe ist aber bis heute nicht vollständig geklärt. Auf den Ortsschildern steht jetzt unter dem rumänischen Namen erst der Ungarische und dann der deutsche. Der Ort Ionesti heißt auf ungarisch Homorodjanosfalva:-)) Auch das Ortsbild unterscheidet sich. Die Grundstücke werden jetzt durch Zäune voneinander abgegrenzt. Auch an der Straßenseite stehen des öfteren Holzzäune mit großen Holztoren. Einige dieser Szeklertore sind mit kunstvollen Schnitzereien verziert. Wieder sind es aber vor allem die vielen Storchennester die uns besonders faszinieren. Je näher wir dem Ort Sanpaul kommen, desto mehr Nester zählen wir. In Sanpaul zählen wir 10 Nester und alle sind “bewohnt”. Östlich des Ortes liegen ausgedehnte Fischteiche, an denen sich offensichtlich nicht nur Angler erfreuen.

Die Landschaft zeichnet sich durch grüne Hügel aus. Hohes Gras wogt im Wind. Die verschiedenen Grüntöne sind durchsetzt mit Sand- und Gelbtönen der Gräser und Blumen. In Martinis machen wir Mittag vor dem Rathaus. Dabei beobachten wir einen Mann mit Jacket und großer Sonnenbrille, der trampen will. Er teilt seine Ambitionen den wenigen vorbeikommenden Autofahrern aber so verhalten mit, das er noch da steht, als wir unsere Mittagspause beendet haben.

Odorheiu Secuiesc ist eine gepflegte Stadt mit einer schönen Einkaufsstraße. Wir haben uns mittlerweile daran gewöhnt in den Dörfern immer wieder Pferdekarren zu sehen. Sie auch im Verkehr einer 36.000 Einwohner zählenden Stadt zu beobachten überrascht uns dann aber doch. Nahe des Rathausplatzes gibt es einige einladende, modern eingerichtete Cafés. Da gerade die Sonne scheint und es warm ist, lassen wir uns die Gelegenheit einen gepflegten Kaffee zu trinken natürlich nicht entgehen.

In Zetea suchen wir eine ganze Weile bis wir eine Pension finden. Ein Schild wäre wirklich hilfreich gewesen. Dabei ist die Pension groß, auf Bus-Reisegruppen eingerichtet. Die Pensionsbesitzerin spricht nur ungarisch. Es dauert einige Minuten und ein paar Telefongespräche, dann kommt eine junge Frau und übersetzt. Für 10? pro Nase bekommen wir eine Art Ferienhaus inklusive Frühstück. Ein Abendbrot will sie uns nicht zubereiten, bringt dann aber doch frisch gebackenes Brot sowie Wurst und Käse in Mengen von denen wir locker satt werden.

Kirchenburg  in Homorod  Kirchenburg  in Cata  Das Siebenbürger Straßendorf Cata  Zwischen Cata -und Drauseni  Zwischen Martinis und Valeni  Zwischen Martinis und Valeni  Szekler-Tor in Bradesti 

Zetea - Lacul Rosu, 79,6 km, 1066 hm

Bei Regen und Kälte in die Karpaten.

Anstieg zum Pasul Bicaz im strömenden Regen

Schon morgens um 8 Uhr regnet es Bindfäden und es ist 8°C kalt. Daran wird sich auch im Laufe des Tages nichts wesentlich ändern. Die höchste gemessene Temperatur liegt Mittags in einer Regenpause bei 12°C. Mit so schlechtem Wetter hatten wir nicht gerechnet. Im Supermarkt kaufen wir schwarze Müllbeutel, die wir über die Schuhe stülpen und gelbe Spülhandschuhe gegen die Kälte und Nässe. Modisch ist das nicht gerade, aber es erfüllt seinen Zweck.

Die Straße steigt moderat an und folgt dem Verlauf eines kleinen Baches. Der Wald wird immer wieder von Wiesen und kleinen Dörfern unterbrochen. Oberhalb des Stausees werden die Dörfer kleiner, der Wald dunkler. Am 1000m hohen Pasul Sicas haben Imker ganze LKW mit Bienenvölkern aufgestellt.

Bis zum Pass ist uns trotz der “scheiß Kälte” einigermaßen warm. Auf der 10km langen Abfahrt nach Suseni werden unsere Finger aber schnell zu Eisklumpen. Deshalb stoppen wir bei der ersten sich bietenden Gelegenheit um uns aufzuwärmen. Die Einrichtung der kleinen Dorfkneipe ist einfach und abgenutzt. Die Luft riecht nach Zigarettenrauch. An einem der fünf Tische sitzen drei Männer, ihre Gesichter sind vom Wetter gegerbt. Einer der Männer kann etwas englisch, so können wir Kaffee bestellen. Danach werden wir und die Pfütze, die unter unserem Tisch entsteht, nicht mehr groß beachtet. Auf der Toilette gibt es nur kaltes Wasser, so wärmen wir uns vor allem am heißen Kaffee auf.

Als wir unsere Finger wieder einigermaßen bewegen können, fahren wir weiter nach Gheorgheni. Die 20.000 Einwohner zählende Stadt wirkt erst mal grau und trist. Es ist jetzt Mittag. Wir drehen eine Runde um den Freiheitsplatz (Piata Libertatii), den Verkehrskonten im Zentrum der Stadt, in dessen Mitte sich eine kleine Grünanlage befindet. Beim zweiten Hinschauen entdecken wir in einem Hinterhof eine Pizzeria. Die ist klein - drei Tische - aber schick. Die Pizzen sind groß und gut.

Lacul Rosu

Und dann regnet es heute zum ersten mal nicht und die Temperaturen steigen auf 12°C. Wir machen uns auf den Weg über den Pasul Bicaz zum Lacul Rosu. Es ist eine Strecke auf die wir uns gefreut haben, markiert sie doch den Einstieg in die sagenumwobenen Karpaten. Doch schon nach wenigen Kilometern setzt der Regen wieder ein. Die Strecke führt durch meist dichten Tannenwald, der mit jedem Kilometer mehr im Nebel verschwindet . Die Temperatur wird wieder einstellig. Am Pass in 1257m Höhe beträgt die Sicht kaum noch 100m. Da ist es nur ein kleiner Trost, dass heute auf allen Straßen nur wenig Verkehr ist. Am Pass stehen Händler und bieten Honig und Marmelade an. Sie sitzen in Wohnwagen in denen eine Heizung bollert.

Bergauf hielt uns die Bewegung wieder einigermaßen warm, bergab frieren wir wieder. Zum Glück lichtet sich der Nebel wenige Meter unterhalb des Passes. Am Roten See (Lacul Rosu) sind wir aber wieder ziemlich durchgefroren. Die Auswahl an Hotels und Pensionen ist recht üppig, der Rote See ist eine Touristenattraktion. Da uns kalt ist und wir nicht lange suchen wollen steuern wir ein neu und gut aussehendes Hotel an. Eine heiße Dusche ist das Erste, wonach uns der Sinn steht.

Dann hört es das zweite mal auf zu regnen. Wir nutzen die Gelegenheit für eine Wanderung um den See. In 1000m Höhe, inmitten der dichten Nadelwälder der Karpaten, umrahmt von 1500m hohen Bergen, liegt ein See mit rötlichem Wasser aus dem die Stümpfe abgestorbener Bäume ragen. Kaum verwunderlich, dass sich viele Legenden um dieses Gewässer ranken, in denen das Wasser meist durch Blut seine rote Farbe bekommt. Die Realität ist aber auch Spektakulär. Im Jahr 1838 rutschte ein bewaldetes Felsmassiv in den Fluss Bicaz und stauten diesen auf. Die Kiefern ertranken und ragen heute als Stümpfe aus dem See. Die tonhaltige Erde färbte das Wasser rot. Heute hat es ganz offensichtlich zu viel geregnet, dass Wasser ist eher grünlich. Und nach einer halben Stunde setzt der Regen auch wieder ein. Bis wir wieder im Hotel sind, sind wir abermals Pudelnass. Zum Glück ist die Heizung an, so stehen die Chancen gut, dass unsere Sachen morgen wieder trocken sind.

Lacul Rosu - Bistricioara, 83,7 km, 795 hm

Landschaftliche Leckerbissen und graue Wolken.

Bicaz Schlucht

Das Wetter überrascht uns heute positiv. Mit Temperaturen um die 20°C ist es wieder einigermaßen angenehm. Bis auf zwei kurze, leichte Schauer bleibt es obendrein trocken. Das ist ja schon mal was. Der Himmel ist aber weiterhin grau und der Ceahlau, der “Olymp der Moldau” ist in dichte Wolken gehüllt.

Wir rollen langsam durch die Bicaz Schlucht, die zu den spektakulärsten und bekanntesten in Rumänien zählt. Die dicht bewaldeten Berge ragen bis zu 300m neben der Straße auf. Die ist noch feucht, mit 10% geht es recht steil bergab. Der Fluss Bicaz rauscht erst links, dann rechts der Straße durchs Tal. An den breiteren Stellen der Schlucht stehen die Hütten der Souvenirhändler. Das ist schon sehr gewöhnungsbedürftig und schmälert das Naturerlebnis bei uns schon erheblich. Dabei sind wir mal wieder fast alleine auf der Straße.

Unterhalb der Schlucht in Bicaz-Chei, Neagra, Ticos und Bicaz stehen mehrere Zementwerke. Die Orte gehen ohne nennenswerte Unterbrechungen ineinander über. Aus Sicht der Landschaftspflege des ansonsten schönen Tals nicht ganz optimal. Dafür fallen uns einige kunstvoll verzierte Dachrinnen auf. Eine Handwerkskunst die hauptsächlich von Zigeunern ausgeübt wird. Auf ein Fallrohr wird meist verzichtet. Viele Häuser sind erstaunlich klein. Ein Garten fehlt aber nie.

Die Kleinstadt Bicaz ist eher funktional als schön. Für uns das Wichtigste, es gibt eine Bank und einen Supermarkt. Unsere Mittagspause machen wir auf einer Bank nahe der zentralen Kreuzung. Da können wir ganz nebenbei noch ein wenig das Treiben auf der Straße beobachten, was recht unterhaltsam ist. Anschließend machen wir einen Abstecher zur Bibliothek, die auch als Information fungiert. Unser Interesse gilt der Wettervorhersage. Nach Sommer sieht die aber nicht gerade aus:-(

Lacul Bicaz

Die Strecke entlang des Stausees Izvorul Muntelui, auch Lacul Bicaz genannt, ist gespickt mit Anstiegen. Im ersten Drittel verläuft die Straße im Wald und wir sehen nicht viel vom größten Stausee Rumäniens. Der schönste Abschnitt ist rund um die Orte Ruginesti und Grozavesti. Hier haben - ich korrigiere: hätten - wir einen schönen Blick über den See auf das Ceahlau-Gebirge. Leider verbergen die Wolken alles oberhalb von geschätzt 1000m und damit eigentlich alles was den “Olymp der Moldau” ausmacht. In diesem Abschnitt gibt es einige Pensionen. Im Osten steigen die Berge recht steil an. Sie sind mit einem Mix aus Wald und Wiesen bedeckt. Auf den Wiesen wächst eine große Vielfalt an Blumen.

In Poiana Largului gibt es ein Ausflugscafé. Zwei Kühe grasen auf der Verkehrsinsel davor. Wir machen eine Pause und überlegen wo wir die Nacht verbringen wollen. Den Plan im Ceahlau-Gebirge wandern zu gehen können wir bei diesem Wetter vergessen. Wir beschließen trotzdem auf die Westseite des Sees zu fahren. Unser Plan geht auf, in Bistricioara vermietet eine Familie einige Zimmer ihers Hauses. Und dann lernen wir, dass die Heizung extra für die Gäste angestellt wird. Jörg springt gleich unter die Dusche und hat kaum warmes Wasser, ich dusche erst nach dem Abendbrot und habe warmes Wasser. Am frühen Abend kommen noch einige Bauarbeiter, die sich in den anderen Zimmern eingemietet haben.

Bicaz Schlucht  Souvenirhändler in der Bicaz Schlucht  Bicaz-Chei  Lacul Bicaz  Freilaufende Kuh in Poiana Largului  Freilaufendes Pferd in Bistricioara  Großer Garten in Bistricioara