Rumaenien per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Orastie - Carnic, 82,6 km, 1250 hm

Eher unspektakulär dem nächsten Höhenpunkt entgegen.

Eine alte Frau trägt einen schweren Sack Obwohl Orastie eine Stadt mit 21.000 Einwohnern ist, waren die Geräusche in der Nacht wie auf dem Land. Hunde bellten, Hähne krähten. Aus unserem Fenster blicken wir auf einen großen Gemüsegarten. Schon morgens um halb acht zeigt das Thermometer 28°C an. Da es bewölkt ist, wird es aber nicht so extrem heiß wie gestern.

Kaum 2 Kilometer nördlich der Stadt liegt eine Pension mit Pool an der Strecke. Das ist schon etwas gemein! Im Tal des Flusses Orastie werden Mais und Getreide angebaut. Die Straße von Ludestii de Jos nach Ocolisu Mic, wird gerade asphaltiert. Mit 7-9% geht es recht steil den Berg hinauf. Hinter der Teermaschine ist mal die linke Straßenseite geteert, dann die Rechte, dann ist ein Abschnitt nur geschottert. Ein System können wir nicht erkennen. Unsere Karte kennt diese Straße nicht, Google-Maps schon - wer wagt, gewinnt!

Ocolisu Mic ist ein kleines Dorf. Uns kommt eine alte Frau entgegen, die einen schweren Sack über der Schulter trägt. Die Landschaft bleibt landwirtschaftlich geprägt. Die Straße ist sehr ruhig. Daran ändert sich auch in Chitid und Batalar nichts. Besonders reizvoll finden wir die Gegend nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass es diesig ist und so die Berge des Retezat nicht zu sehen sind. Irgendwann gibt es keine Alternative mehr zur Europastraße 79. Die ist breit und stärker befahren, auch von LKW. Der Verkehr hält sich aber im Rahmen. So überwinden wir die 100 Höhenmeter ohne großen Stress.

Die kommenden zwei Tage wollen wir in den Bergen des Retezat wandern. Die Kleinstadt Hateg ist die letzte Gelegenheit sich im Supermarkt mit Lebensmitteln einzudecken. Die Stadt hat ein ganz nettes Zentrum. Wegen der Nähe zu dem, bei Wanderern beliebten, Nationalpark kann Hateg mit zahlreichen Cafés zu aufwarten. Unser Ansinnen eine gemütliche Tasse Kaffee zu trinken wird aber jäh vom Lärm einer nahen Baustelle vermiest.

Auch auf der Strecke nach Ohaba de sub Piatra sind uns keine Blicke auf die bis zu 2.509m hohen Berge vergönnt. Hier beginnt der rund 16,5 Kilometer lange Anstieg nach Carnic. In Salasu de Sus kommen wir an einem Haus vorbei in dessen Hof sich das gesamte Dorf und der Priester versammelt haben. Ob es sich um eine Hochzeit oder eine Trauerfeier handelt können wir aber nicht erkennen. Vor dem Dorf Nucsoara befindet sich das Besucherzentrum des Nationalparks Retezat. Es ist geschlossen. Ein Schild mit Öffnungszeiten können wir nicht finden. Im Dorf gibt es einen Magazin Mixed der von 7-11 und von 18-22 Uhr geöffnet hat. Wir sind überrascht. Mit einer gewissen Infrastruktur, wie Café oder Pension hatten wir schon gerechnet. Kurz oberhalb des Dorfes ist der Fahrweg dann nur noch geschottert. Der Belag ist sehr grob, einige Steine sind bestimmt Faustgroß. Der Weg folgt dem Verlauf des Bergbaches Nucsoara. Mittlerweile bestimmen Wald und Wiesen im enger werdenden Tal das Bild. Es ist ganz schön anstrengend und uns läuft der Schweiß runter wie Wasser den Bach.

Carnic liegt in 1005m Höhe und besteht aus drei Berghütten und einem Campingplatz. Die Pensiunea Codrin ist einladend. Die Besitzer, ein junges Paar mit Zwillingen, sprechen fließend Englisch. Er ist Mitglied der Naturfreunde und hat Kontakte nach Durlach. Die beiden sind stolz darauf all ihren Strom und das warme Wasser selber zu produzieren. Für diese Nacht bekommen wir ein Zimmer.

Straßenfeger in Orastie  Frisch geteerte Straße 

Wanderung im Retezat

Avanti dilettanti!

Das Retezat Gebirge ist Teil der Südkarpaten. Große Teile stehen unter strengem Schutz. Der 1935 gegründete Nationalpark Retezat ist das älteste und artenreichste Naturschutzgebiet Rumäniens. Seit 1980 gehört es zudem Biosphärenreservat der UNESCO. In dem Gebirgsmassiv finden sich zahlreiche Relikte der Eiszeit, darunter über 100 Gletscherseen. Der Größte ist der Bucura-See in 2041m Höhe. In dem Hochgebirge wachsen über 1050 Pflanzenarten. Allein vom Habichtskraut kommen rund 70 Arten vor. Es ist Heimat vieler Tiere wie Braunbär, Gämse, Wolf, Luchs, Auerhahn und Adler.

Wir wollen zum Bucura See wandern. Von dort vorbei am Tau Portii See und der 2433m hohen Bucura 1 Spitze zum 2251m hohen Retezatului Sattel. Durch das Stanisoara Tal mit dem gleichnamigen See und Wasserfällen soll es zurück gehen. Ein ambitioniertes Vorhaben. Eigentlich bräuchten wir Wanderrucksäcke in denen Zelt, Schlafsäcke und Proviant Platz fänden. Dann könnten wir am Bucura See campen und die Tour auf zwei Tage aufteilen. Unsere Ausrüstung besteht aber nur aus zwei "Turnbeuteln", in denen Wasser und Verpflegung für einen Tag sowie unsere Regenjacken Platz haben. Statt Wanderschuhen tragen wir Sandalen. Mit anderen Worten sind wir suboptimal ausgestattet und wissen nicht wirklich auf was wir uns einlassen. Avanti dilettanti! - Auf gehts Amateure!

See Victoria im Retezat Nationalpark

Los geht's am frühen Morgen um halb acht. Der Fahrweg zur Pietrele Hütte wird schnell sehr rau und besteht bald nur noch aus Steinen in der Größe von Fußbällen. Wir folgen dem "blauen Dreieck" entlang des Pietrele Baches durch dichten Wald. Der Pfad wird noch unwegsamer, in der Nähe des Baches rinnt das Wasser auch den Weg hinunter. Immer häufiger sind Wurzeln und Steine im Format von Zementsäcken zu überwinden.

Bald nach der Gentiana Hütte geht der Wald in Buschland über. Je höher wir steigen, desto kleiner werden die Büsche. Die meiste Zeit balancieren wir über mehr oder weniger große Steine, gelegentlich kreuzt der Weg kleine Bachläufe. Die Felsen sind auf ihrer Oberseite dicht mit grünen Flechten bewachsen. Es ist wolkig aber recht warm.

Der Pietrele See auf 1990m Höhe ist der ideale Ort für eine Pause. Kurz darauf beginnt der steile Anstieg zum 2206m hohen Bucura Sattel. Die Markierung des Weges ist narrensicher. Am Sattel treffen wir ein Paar aus Deutschland. Ihre bunte Kleidung und entspannte Art, erinnern uns an die Hippis der 68. Sie berichten uns, gestern bei den Seen Murmeltiere beobachtet zu haben. Auf der Nordseite des Kamms klart es auf.

Nach der Mittagspause am Bucura See folgen wir dem "roten Punkt". Die Ausblicke auf die Seen Ana, Monica und Florica entschädigen für die Anstrengungen. Es sind nur wenige dutzend Wanderer unterwegs. Nachdem wir die Seen passiert haben, klettert der schmale Pfad steil eine Bergflanke hinauf. Es ziehen dunkle Wolken rein. Wir können das Wetter nicht einschätzen - wird es regnen? Wir klettern zügig bergauf, nichts ahnend, dass wir den Judele Sattel erklimmen und nicht in Richtung Bucura 1 Spitze unterwegs sind. Erst auf dem Grad zum Barlea Gipfel kommen uns Zweifel. Wir kehren zurück zum Sattel und folgen dem Weg nach Norden, noch immer im Glauben unterhalb der Bucura 1 Spitze zu sein. Eine anspruchsvolle Kletterei beginnt, die uns zur 2398m hohen Judele Spitze führt. Zu beiden Seiten des schmalen Grates geht es 400m nahezu senkrecht in die Tiefe. Langsam wird uns klar, dass wir absolut nicht da sind wo wir sein wollten. Obendrein quellen die aus Süden heranströmenden Wolken über den Kamm. Mir ist nicht mehr ganz wohl in meiner Haut. Zurück am Judele Sattel begreifen wir wo uns befinden. Wir steigen den Pfad hinab, denn wir gekommen sind. Zurück am See finden wir trotz aller Bemühungen den Abzweig zur Bucura 1 Spitze nicht.

Es ist mittlerweile halb drei, die Beine melden ersten Protest und an den Füßen haben sich Blasen gebildet. Wir entscheiden, dass es keinen Sinn macht weiter zu suchen und beschließen auf dem Weg zurück zu gehen, den wir gekommen sind. Die Wolken haben sich mittlerweile wieder verzogen, auf der Nordseite scheint sogar die Sonne. Am Pietrele See legen wir noch mal eine Pause ein. Von hier sind es noch rund 8 Kilometer bis Carnic. Der Abstieg kommt uns länger vor als der Aufstieg. Wir treffen das "Hippe-Paar" wieder, sie haben im kalten Wasser des Bergbaches gebadet. In Punkto "entspannt die Landschaft genießen" sind die Zwei eindeutig besser als wir;-)

Nach geschätzten 24 Kilometern und 1800 Höhenmetern erreichen wir nach elfeinhalb Stunden wieder die Carnic Hütte. Wir sind fix und fertig. Zum Glück kocht die Großmutter sehr gut. Die Betten sind allerdings alle belegt. Kurz vor Sonnenuntergang bauen wir unser Zelt auf und weihen damit den Campingplatz der Hütte ein. Noch duschen und dann ab in den Schlafsack. Die Idee, eine zweite Wanderung zu unternehmen, kommt selbst in unseren Träumen nicht mehr vor;-)

Pietrele Wasserfälle  Im Retezat Nationalpark  Bucura-See  Bucura-See  See Florica  Seen Florica und Victoria  Im Retezat Nationalpark  Am Judele Sattel 

Carnic - Petrosani, 62,9 km, 650 hm

Ein Nachmittag im Pool.

Es ist sonnig und warm, gut über 30°C. In der prallen Mittagssonne zeigen unsere Thermometer Werte jenseits der 40°C an. Über den Bergen quellen immer wieder Wolken auf. Bis ins Tal dringen sie aber nicht vor.

Heute lassen wir es ruhig angehen. Erst um kurz vor zehn rollen wir langsam den Berg runter. Am Abzweig auf die Europastraße 79 gibt es einen Magazin Mixed. Eine gute Gelegenheit ein Eis zu essen. Auf einem Strommasten niesten Störche. Die Jungtiere sind mittlerweile fast so groß wie ihre Eltern. Die E 79 ist okay. Der Asphalt neu, der Verkehr hält sich im Rahmen. Im Tal wird Landwirtschaft betrieben. Im Hintergrund erheben sich die Gipfel des Retezat (im Süden) und des Sureanu (im Norden). Heute, mit Aussicht auf die Berge, ist die Landschaft einigermaßen reizvoll.

Gasleitung formt Bogen vor Kirche

Pui wird bestimmt von Betongebäuden sozialistischer Bauart und der Europastraße. An einem Stand werden Obst und Gemüse angeboten. Die Cafés und Imbisse leben augenscheinlich im Wesentlichen vom Durchgangsverkehr.

In Baru bewundern wir mal wieder die kreativ oberirdisch verlegten Gasleitungen. Vor der Kirche formen sie gar einen Bogen über das Tor. Wenige Kilometer später liegt links der Straße das "Hanul Bolestilor", ein Hotel mit 25m Pool. Wir werfen Anker, lassen uns auf zwei Liegen nieder und schwimmen ein paar Bahnen. So kann man es aushalten. Neben uns sind keine 10 weiteren Schwimmer am Becken. Gerne würden wir den Rest des Tages am Wasser liegen, leider bekommen wir kein Zimmer mehr.

Gegen 17 Uhr schwingen wir uns wieder in die Sättel. Gewann die Straße bisher kaum merklich an Höhe, so ist mit dem 759m hohen Merisor Pass jetzt doch noch ein kleiner Berg zu überwinden. Ab Banita ist die Straße eine Baustelle. Immer wieder ist eine Straßenseite gesperrt. Gleichzeitig wird die Landschaft schöner. Die dicht bewaldeten Berge mit ihren tiefen Schluchten rücken nah an die Straße heran. Der Verkehr stellt auch in den Baustellen kein Problem dar. Wir beobachten erstaunlich viele Bauarbeiter und lernen, dass man eine Dampfwalze auch mit Badeschlappen fahren kann.

Die Abfahrt nach Petrosani ist gut zu fahren. Die Universitätsstadt ist bekannt als "Stadt der Kohle", 60% der Bevölkerung arbeiten in den Kohleminen. Die 45.000 Einwohner Stadt liegt in einem Talkessel, das von den vier Karpaten-Massiven Retezat, Sureanu, Valcan und Parang umgeben ist. Das Zentrum ist übersichtlich und ganz okay. Da es schon 19 Uhr ist, halten wir uns nicht lange auf. Zwei kurze Stopps bei Bank und Supermarkt, dann geht es bergauf Richtung Voineasa. 3 Kilometer oberhalb von Petrosani finden wir ein Hotel etwas abseits der Straße. Wie so oft sind wir fast die einzigen Gäste. Da die rumänische Küche gut und günstig ist bleibt auch heute der Kocher kalt. Trotzdem wären wir fast verhungert. Die Bedienung ist so sehr mit ihrem Smartphone beschäftigt, dass wir uns fragen ob es notwendig ist Ihr eine SMS zu schicken ;-)

Zwischen Baru und Crivadia  Hanul Bolestilor 

Petrosani - Sugag, 87,7 km, 1270  hm

Von der unterschiedlichen Sichtweise auf eine Baustelle.

Morgens ist es sonnig und warm. Auf einer sehr ruhigen und gut befahrbaren Straße geht es das Tal des Bergbaches Jiet hinauf. Auf den Wiesen im Tal grasen Kühe. Bald verengt sich das Tal und die Straße zwängt sich durch die Jiet Schlucht. Die senkrecht rund 50-100m hoch aufragenden Felsen liegen an der engsten Stelle kaum 20m auseinander. Dennoch ist die Schlucht recht grün. Nicht spektakulär, aber sehr schön. Die Straße wird zunehmend schlechter, ist bald ein Mix aus Schotter und Asphalt. Oberhalb der Jiet Schlucht prägen bewaldete Hänge das Bild. Uns überholen Geländewagen aus Deutschland und Ungarn auf Enduros. Beide zeigen uns anerkennend den hochgestreckten Daumen. Es geht lange bergauf, fast 20 Kilometer. An der Straße sitzen zwei Imker und bieten ihren Honig an. Auf der Waldlichtung hinter ihnen stehen ihre Bienenstöcke und ihr Zelt. Im letzten Drittel des Anstiegs eröffnen sich einige tolle Ausblicke auf die einsame Bergwelt und die bis zu 2300m hohen Gipfel.

Schlechter Asphalt im Anstieg zum Groapa Seaca Pass

Die Abfahrt vom 1575m hohen Groapa Seaca Pass ist meist gut asphaltiert. Einige Kilometer vor der kleine Siedlung Obarsia Lotrului beginnt eine Straßenbaustelle. Die Bauarbeiter tragen Jeans, T-Shirt und Warnweste. Der Fahrer eines Betonmischers steht Barfuß neben seinem LKW. Irgendwo mitten drin steht ein Wohnwagen. Rund um Obarsia Lotrului in den Wäldern nahe der Straße leben Menschen in kleinen Zelten und unter einfachen Planen. Kinder verkaufen Pilze und Beeren an der Straße. Das sieht schon sehr ärmlich aus und erschreckt uns ein wenig. Obarsia Lotrului scheint im wesentlichen aus einem Café und einer Pension zu bestehen.

Die an sich einsame Bergstraße nach Sugag ist geprägt von Baustellen. An dutzenden Abschnitten arbeiten Trupps, fertigen Stützmauern, heben Gräben aus, verdichten die Schotterdecke, verlegen Abwasserrohre, asphaltieren die Straße, . . Zwischen fertig asphaltierten Stücken ist die Straße fünf oder einige hundert Meter geschottert, dann wieder halbseitig gesperrt. Am Stausee Oasa Mica werden die benötigten Steine gewonnen. Direkt neben der Straße klafft ein große "Wunde" in der Felswand. Das ist schon sehr schade. Reißt doch jeder Eingriff des Menschen erst mal eine Wunde in die Landschaft, die zu dem Eindruck sich durch eine einsame Bergwelt zu bewegen einfach nicht passen will. Dabei hatten wir uns bei der Planung dieses Abschnitts ganz andere Gedanken gemacht. Da die Strecke als Nebenstraße ausgewiesen ist, sind wir davon ausgegangen das die Straße nicht durchgängig asphaltiert ist.

Die Straße 67C wird auch als Transalpina bezeichnet. Der Tartarau Pass ist mit 1678m Höhe der Höchste unserer Tour. Es hat sich auf 25°C abgekühlt, Tendenz sinkend und es quellen immer mehr Wolken auf, die zunehmend dunkler werden. Direkt am Oasa Mica Stausee liegt die Pension "Oasa". Leider ist kein Zimmer mehr frei. Hatten wir schon befürchtet, als wir den Reisebus davor gesehen haben.

Die Straße folgt dem Verlauf des Flusses Sebes durch dichten Wald. Die Landschaft wird schöner und bergab kommen wir zügig voran. In Tau Bistra wird der Fluss abermals aufgestaut. Der gleichnamige See ist aber bedeutend kleiner als der Oasa Mica. Im kleinen Ort gibt es ein paar Häuser und ein Café. Ein Schild weist den Weg zu einer abgelegenen Pension mehrere Kilometer im Wald. Wir nutzen die Staumauer für eine Pause und kommen ins Gespräch mit einer Familie aus Sibiu. Sie freuen sich, dass die Straße endlich ausgebaut wird - die alte schlechte Straße hat sie genervt.

Auf dem Weg nach Sugag wird die Landschaft noch schöner, die Baustellen weniger. Im Ort finden wir eine Pension. Die Zimmer sind offensichtlich gerade erst fertig geworden, am Waschbecken haften noch die Aufkleber des Herstellers. Hinterm Haus plätschert der Sebes, der hier kaum mehr ist als ein kleiner Bach.

Jiet Schlucht  In der Jiet Schlucht  Frischer Honig direkt vom Imker  Auf dem Weg zum Groapa Seaca Pass 

Sugag - Sibiel, 44,7 km, 790  hm

Zurück in Siebenbürgen.

Der Anstieg nach Jina ist geschottert. Von 500m geht es hoch auf 1060m. Damit sind wir die erste Stunde des Tages beschäftigt. Es ist sonnig und warm. Meist weht ein kräftiger Wind aus Westen. Der wirbelt immer wieder große mengen Staub auf. Vor allem bei Gegenverkehr werden wir immer wieder in eine Staubwolke eingehüllt. Oben bieten sich uns noch mal einige tolle Ausblicke auf die bewaldeten Cindrel Berge, auf deren Hochebenen sich, wie hellgrüne Kappen, Wiesen erstrecken.

Satellitenschüssel an Siebenbürger Haus

Jina ist ein recht großes Dorf. Zwischen den alten Siebenbürger Häusern stehen auch einige neue. Anders als im Maramures ist das Bemühen erkennbar die neuen Gebäude in die bestehenden Strukturen zu integrieren.

Wir sind zurück in Siebenbürgen. Die Dörfer Jina, Poiana Sibiului und Rod sind recht hübsch. In Rod machen wir Mittag mit frischen Brot und frischem Bergkäse. Mir schmeckt der salzige Käse, Jörg ist er zu kräftig. Für eine Nebenstraße ist recht viel Verkehr (wobei das relativ ist, unser Maßstab hat sich mittlerweile etwas verschoben). Wir sehen seit langer Zeit auch mal wieder ein Pferdefuhrwerk.

Der Weg nach Tilisca führt durch ein waldreiches enges Tal. Über Vale radeln wir nach Sibiel. Das malerische Dorf ist bekannt für sein Museum für Hinterglasikonen. Darüber hinaus gibt es eine Fülle an privaten Pensionen in meist gut erhaltenen, alten Höfen. Der Ort hat sich offensichtlich dem Thema Urlaub in einem ursprünglichen Dorf verschrieben. Eher aus einer Laune heraus schauen wir, ob was schönes dabei ist. Und wir werden fündig. Die "Pensiunea Mioritica" ist eine Art großer Garten mit Hütten und Pavillons, durch den der Bach Sibiel rauscht. Der Bergbach ist über Treppen erreichbar. Das Wasser ist zwar recht kalt aber auch schön erfrischend. Besitzer Sorin Coldea liebt ganz offensichtlich Blumen, hat aber auch eine Leidenschaft für alte Dinge. Die Wänden der Hütten und des Aufenthaltsraums sind dekoriert mit hunderten Handwerks- und Gebrauchsgegenständen aus Zeiten der Siebenbürger Sachsen und der Ceausescu Diktatur. Teile von Webstühlen, Spinnrädern, Sätteln, Pferdegeschirr, Bügeleisen, Wagenräder, Schuhmacher-Werkzeug und vieles mehr. Ein Ort an dem man es gut aushalten kann.

Das Wetter ändert sich. Im Laufe des Nachmittags wird es zunehmend wechselhaft. Am späten Nachmittag geht ein kräftiges Gewitter mit heftigem Regen nieder. Der kleine Bach schwillt mächtig an. Wie immer stehen unsere Räder sicher und trocken. Da hat wirklich jede Pension drauf geachtet.

Zwischen Sugag und Jina  Pferdakarren bei Jina  Spielendes Kind in Rod 

Sibiel - Sibiu, 54,2 km, 320  hm

Zum Abschluß noch mal eine kräftige "Dusche".

Am Morgen ist es wieder sonnig und trocken, aber einiges kühler als die letzten Tage. In den Bergen hängen noch immer dunkle Wolken.

In Cristian (Großau) steht direkt am Fluss Zibin eine schöne, um 1500 erbaute Kirchenburg. Die äußere Wehrmauer ist weiß gestrichen und mit Türmen befestigt. Auf den Strommasten niesten etliche Störche. Die Jungtiere unternehmen erste Flugversuche. Einige versuchen noch vom Nest abzuheben, andere haben es schon bis zum nächsten Hausdach geschafft. Die Nähe zum Menschen sind die Tiere offenbar gewohnt. So fliegen die großen Vögel dicht über unseren Köpfen. Beeindruckend!

Kirchenburg in Cristian

Über Orlat radeln wir nach Gura Raului. Die Wolken werden immer dunkler und bewegen sich aus den Bergen im Süden langsam auf uns zu. Im Vordergrund erstrecken sich Felder und Wiesen. Die Hänger der Cindrel Berge im Hintergrund sind dicht bewaldet. Auf den Straßen sind recht viele Pferdefuhrwerke unterwegs.

Auf dem Weg nach Poplaca (Gunzendorf) beginnt es zu regnen. Das ist für sich genommen schon nicht so toll. Dazu kommt aber, dass die Straße hier nicht befestigt ist. Der Schotter ist grob, die Steine rund 4-5cm groß. Mit einem Wort es ist holprig und nass, eine doofe Kombination. Doch es kommt noch "besser". In Poplaca und auf dem Abschnitt nach Rasinari (Städterdorf) wird an der Straße gearbeitet. Hier ist die Straße schlammig mit tiefen Spurrillen der schweren Baumaschinen zerfurcht. In Rasinari sehen unsere Räder und Schuhe richtig "lecker" aus. In großen Pfützen und unter dem offenen Ablauf einer Dachrinne waschen wir den gröbsten Dreck ab.

Auch auf dem Weg nach Sibiu rauschen wir durch jede verfügbare Pfütze, um so viel Dreck wie möglich von den Rädern zu bekommen. Da es sich auf 16°C abgekühlt hat, sind unsere Finger am Ende steif vor Kälte.

Wir steuern direkt das Old Town Hostel an. Nach einer warmen Dusche sieht die Welt wieder besser aus. Auch der Regen ist vorüber, es ist wieder sonnig und warm. Nachdem auch die Räder wieder sauber sind, schlendern wir durch die Gassen der schönen Altstadt. Den Abend lassen wir in einer Pizzeria auf dem Piata Mica, direkt neben dem Hostel ausklingen. Wir stoßen an auf eine gelungene Tour, ohne schwerwiegende Verletzungen oder Defekte. Es war eine intensive und sehr abwechslungsreiche Tour. Auf rund 1.800 Kilometern haben wir knapp 17.000 Höhenmeter bewältigt. Auch wenn der Wettergott nicht immer auf unserer Seite war, hat es viel Spaß gemacht. Wir können es zur Nachahmung empfehlen!

Sibiu

Ruhiger Ausklang einer gelungenen Tour.

Nächtliche Stimmung am Piata Mica mit Lügenbrücke und Casa Hermes

An unserem letzten Tag in Rumänien besuchen wir das ASTRA-Museum, rund 8 Kilometer südlich der Innenstadt. In der weitläufigen Parkanlage stehen mehrere hundert historische Gebäude aus ganz Rumänien. Ziel ist die Bewahrung des kulturellen Erbes. Alle Gebäude sind Originale, die abgetragen und hier wieder aufgebaut wurden. Der Park ist in Themen gegliedert. Zu einem Handwerk, einem Gewerbe oder einer Technologie (z.B. Metallverarbeitung, Fischerei, Schäferei, Getreide, Wasser- und Windmühle, Obst) sind immer Gebäude aus mehreren Landesteilen ausgestellt. So wird nicht nur die damalige Handwerkskunst und Lebensweise anschaulich, sondern auch die regionalen und kulturellen Variationen. Alle Gebäude sind mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Auch Zäune und Gärten und soweit es geht selbst die Umgebung spiegeln den historischen Zustand so gut es geht wieder. So manches kommt uns bekannt vor, beispielsweise die Holzkirche aus dem Maramures oder die Höfe der Motzen aus dem Trascau. Bei den Höfen versuchen wir die Regionen zu erkennen. Ein Blick auf die Infotafel zeigt uns ob wir richtig liegen. Sehr gut gefallen uns auch die unterschiedlichen Mühlen, deren Funktionsweisen und Anwendungen gut erklärt werden. Ein wirklich schönes Museum.

Nach vier Stunden geballter Kultur suchen wir Erfrischung und Entspannung im Freibad. Es ist nicht sonderlich viel los. Anders als wir es aus Deutschland gewohnt sind, gibt es keine Liegewiese. Rund um das Becken sind Liegen arrangiert. Auf dem Dreimeter-Turm sitzt ein DJ und beschallt die Anlage mit Musik. Gewöhnungsbedürftig, aber soweit wir das mittlerweile einschätzen können, üblich in Rumänien. Gegen 17 Uhr beendet einsetzender Regen unser Badevergnügen.

Panorama des Piata Mare  Auf dem Zibin-Markt