Suedafrika per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann, Jörg Feye,  ✉ 

Prince Albert - De Rust, 80 km, 720 hm

In der Meiringspoort

Verdammt schöne hohle Gasse

Ein kräftiger Wind schiebt uns durchs Prince Albert Valley. Ohne Mühe rollen wir mit Tempo 35 bis 40 an Weingütern vorbei. Rechts türmen sich die rötlich schimmernden Swartberge auf. Links erhebt sich ein wesentlich niedrigerer Höhenzug. Es rollt! In den Abfahrten sind auch mal 70 Sachen drin. Schon des Mittags erreichen wir das Dorf Klaarstroom. So schnell haben wir noch keine 56 Kilometer bewältigt. Am Ortseingang und -ausgang versperrt ein Cattle Grid Tieren den Weg. Im Ort drehen sich alte vielflügelige Windräder. Vor dem kleinen Laden stehen einige Tische und Stühle unter einem Windschutz.

Höhepunkt des Tages ist ohne Frage die Fahrt durch die Meiringspoort. Die Straße folgt einem Bach durch eine tiefe, schmale Schlucht. Nahezu senkrecht ragen die roten Sandsteine der Swartberge direkt neben der Straße auf. Auf einem kleinen Sockel wachsen niedrige Büsche, darüber dominiert blanker Fels. Entsprechend gut sind die verschiedenen Gesteinsschichten zu sehen. Die umliegenden Gipfel überragen den Talboden um bis zu 1400 m. Ganz so hoch sind die Wände der Schlucht nicht, aber 200 m werden es schon sein. In jedem Fall mächtig beeindruckend! Die Straße ist gut ausgebaut. Obwohl auch große LKW unterwegs sind, kommt nicht mal im Ansatz Stress auf. Etwa in der Mitte der Schlucht führt ein kurzer Fußweg zu einem Wasserfall. Über eine 13 m hohe Felswand rauscht das Wasser in einen seichten Pool. Und das hier, wo Wasser vielerorts Mangelware ist. Wenig später beobachten wir, wie eine Horde Bärenpaviane die Straße nach essbarem absucht. Hupende Autos halten sie nur vorübergehend von dieser Tätigkeit ab. Die Tiere lassen uns bis auf wenige Meter an sich heran. Trotzdem ist nicht immer klar, wer hier wen beobachtet.

Die Kleinstadt De Rust erreichen wir schon am frühen Nachmittag. Direkt am Ortseingang lädt ein Café zum Verweilen an. Und gleich nebenan können wir ein Zimmer für 300 Rand mieten - schlappe 20€.

In der Meiringspoort  Wasserfall in der Meiringspoort  Bärenpaviane in der Meiringspoort  Bärenpaviane in der Meiringspoort  In der Meiringspoort

De Rust - Eagle Falls, 66 km, 1160 hm

In bester FIFA-Manier

Strauße

Bedeckter grauer Himmel, 16°C und Gegenwind machen den heutigen Tag zu einer recht frischen Angelegenheit. Nach wenigen Kilometern auf Asphalt, radeln wir auf einer Schotterstraße durch Farmland. Satte, grünen Wiesen breiten sich vor der Kulisse der rötlichen Swartberge aus. Darauf Strauße. Als wir sie fotografieren, drängen sich die großen flugunfähigen Vögel immer dichter an den Zaun. Ob sie uns wohl aus der Hand fressen? Wir probieren es aus. Ja, einige mutige Tiere klauben die Brotstückchen von meiner flachen Hand. Tut nicht im Ansatz weh. Allerdings können die Vögle mit dem Brot nichts anfangen, lassen es immer gleich wieder fallen. Wir haben unseren Spaß, die Tiere wirken bald eher ratlos.

Am Rad des Townships Dysselsdorp ist die Freude gerechter verteilt. Wir wollen einige Jungs fotografieren, die auf einem staubigen Platz kicken. Schon als wir anhalten, stürmen sie in unsere Richtung. Kurz entschlossen "bestechen" wir die Halbstarken mit einer Packung Kekse. Ohne weitere Worte posieren die Fußballer anschließend vor unseren Kameras. Da wir die Jugendlichen nicht konditionieren wollen, gehen wir den Handel, Geschenk gegen Fotos, möglichst selten ein. Auch wollen wir die Armut der Menschen nicht vorführen. Obwohl freilaufenden Kühen und Schweinen, die das karge Gras zwischen Kakteen und kleinen Gemüsegärten abgrasen, natürlich der Reiz des Exotischen anhaftet.

Getreidefelder, sowie Wiesen auf denen Rinder und Schafe weiden bestimmen im weiteren Verlauf das Bild. Die Piste ist sehr wellig, so kommen richtig Höhenmeter zusammen, obwohl wir keine längere Steigung überwinden. Alle paar Kilometer passieren wir eine Farm. Zusammen mit den Häusern der schwarzen Arbeiter wirken die Höfe oft wie kleine Dörfer. Obwohl die Höfe oft viele Kilometer trennt, sehen wir immer wieder Fußgänger.

Im grünen Tal des Kammanassie River rücken die Berge wieder enger zusammen. Die bis zu 2000 m hohen Gipfel der gleichnamigen Bergkette sind von Wolken verhüllt, die wie eine dünne, graue Bettdecken tief über der Landschaft hängt. Bei diesem ungemütlichen Wetter sind wir froh, dass der Campingplatz Eagle Falls auch Zimmer anbietet. Zu den namensgebenden Wasserfällen ist es nur ein kurzer Fußmarsch.

Strauße  Strauße  Junge Fußballspieler im Townships Dysselsdorp   Wasserfall am Campingplatz Eagle Falls

Eagle Falls - Die Vlug, 77 km, 1320 hm

Kneipe oder Campingplatz?

Felder und Berge an der R62 bei Nollshalte

Bei blauem Himmel macht die Landschaft deutlich mehr her. Auch die 16 - 18°C fühlen sich in der Sonne gleich ganz anders an. Weiterhin bestimmen Felder, Weiden und grau-grüne Berge das Bild. Die hügelige Straße bleibt uns ebenfalls erhalten.

Im kleinen Ort Nollshalte, an der R62, gibt es einen kleinen Laden. Wenige Kilometer östlich macht uns das Schild zu einer Galerie mit Café neugierig. Erstmal stehen wir aber vor einem verschlossenen Hoftor. Der Hund hat uns bemerkt, ein alter Mann erscheint. Die Künstler sind seine Kinder, die allerdings gerade nicht da sind. Aber seine Enkelinnen sollten bald kommen. Und tatsächlich öffnen wenige Minuten später zwei junge Frauen die Galerie. Den Kaffee können wir auf einem Balkon mit Aussicht genießen. Das fruchtbare, breite Tal liegt reizvoll zwischen zwei Bergketten. Die Landschaft ist sanft gewellt. Gelbe Getreidefelder bilden einen interessanten Kontrast zu den grau-grünen Bergen.

Die ruhige, asphaltierte Straße nach Avontuur steigt um gut 400 Höhenmeter an. Im Dorf spielen viele Kinder auf der Straße. Eine Gruppe jagt mit einem selbstgebauten Holzvehikel mit Autoreifen über einen Parkplatz. Zwei Jungs schieben, einer lenkt. Die zwei Mädchen lassen sich chauffieren. Scheint Spaß zu machen.

Auf Schotter geht es weiter den Berg hinauf und dann in einer langen Abfahrt 750 Höhenmeter in ein tiefes Tal hinab. Üppiges Grün bedeckt die Hänge. Eine attraktive Mischung aus Büschen, Bäumen und Gräsern. Auf den letzten Kilometern durchquert die kurvenreiche Straße eine Schlucht mit rötlichen Felswänden. Leider ist der Himmel jetzt bedeckt. So fühlen sich die 16°C recht frisch an.

Angies G-Sport ist der erste Campingplatz auf dem richtig Betrieb ist. Eigentlich ist es mehr eine Kneipe mit angeschlossenem Zeltplatz. Das ergraute Biker-Paar ist schon etwas exzentrisch und ein guter Kunde im eigenen Pub. Auch wir haben nichts gegen einen Burger und ein kühles Bier. Allerdings auf der Terasse, drinnen wir nach Kräften gequalmt.

Blick auf die Kammanassie Berge  Farm und Berge an der R62 bei Nollshalte  An der R62 bei Nollshalte  Spielende Kinder in Avontuur  Spielende Kinder in Avontuur  Grüne Berge nördlich des Prince Alfred's Passes  Eine Schlange überquert die Straße  Schlucht bei Die Vlug

Die Vlug - Harkerville, 75 km, 1410 hm

Knysnas letzte Urwälder

King Edward VII Big Tree

Der Prince Alfred's Pass gehört bereits zur Garden Route. Einst war das Küstengebirge von ausgedehnten Urwäldern bedeckt. Anfang des 19. Jahrhunderts begann eine rücksichtslose Abholzung. Die kläglichen Reste sind heute im Garden Route National Park unter Schutz gestellt. Anfangs hält sich unsere Begeisterung in Grenzen. Viele Hänge sind kahl. Ein Teil der Bäume ist einem Feuer zum Opfer gefallen, viele wurden gerodet. Große Gebiete werden offensichtlich kommerziell genutzt. Kiefern und Fichten stehen in Reih und Glied. Das ist nicht sonderlich attraktiv. Die Straße überwindet zwei längere Steigungen, mit zusammen 700 Höhenmetern. Der Schotter ist heute eher rau und recht anstrengend zu fahren.

Südlich des Passes beginnt das Naturschutzgebiet. Der dichte Laubmischwald wirkt ursprünglich. Die Pflanzenvielfalt ist selbst für den Laien erkennbar. Am Straßenrand wachsen viele Farne. Zwei Yellowood-Bäume sind über 600 Jahre alt. Die beiden Methusalems gehören zu den Attraktionen des Parks und sind eine gute Ausgangsbasis für kurze Wanderungen. Dabei fällt uns das vielfältige und dichte Unterholz auf. Das hat schon was von Urwald.

Die lange Abfahrt führt die letzten Kilometer durch eines der Townships von Knysna1). Hier spielt sich viel Leben auf der Straße ab. Viele Menschen und Taxis2), aber auch Hunde, Kühe und Hühner gehören zum Straßenbild. Ein quirliger Ort. [1: sprich Naissna, 2: japanische Kleinbusse mit 7 bis 12 Sitzen]

Die N2 ist nicht so stark befahren, wie wir befürchtet hatten. Auch der breite Seitenstreifen und die moderate Geschwindigkeit, tragen dazu bei, dass kein Stress aufkommt. Die Nationalstraße führt wellig durch eine waldreiche Gegend. Sonderlich spannend finden wir diesen Abschnitt nicht. Nachdem wir unsere Sachen auf dem Campingplatz abgeworfen haben, radeln wir weitere 5,5 Kilometer zu einem Aussichtspunkt am Meer. Rund 200 m unter uns rennt der Indische Ozean gegen die Steilküste an und erzeugt einen beachtlichen Brandungsnebel. Auch dieser schöne Küstenabschnitt ist Teil des Garden Route National Parks. Daher müssen wir Eintritt entrichten. Überhaupt braucht man häufig ein Permit. Nicht alle sind mit Kosten verbunden. Uns scheint, als ginge es vielmehr darum die Regeln und Warnungen zu akzeptieren. Selbst einige Cafés weisen darauf hin, das die Benutzung der Toiletten auf eigene Gefahr erfolgt. Wir sind dann immer froh, wenn wir unser Geschäft unfallfrei verrichtet haben;-)

Dichter Laubmischwald im Garden Route National Park   Brandungsnebel am Kranshoek viewpoint 

Harkerville - Knysna, 32 km, 275 hm

Zwei Warmduscher im Township

Im Knysna Elephant Park

Zum Knysna Elephant Park ist es nicht weit. So schaffen wir es locker bei der ersten Tour, um halb neun, dabei zu sein. Die Dickhäuter sind allesamt Waisen, könnten in freier Wildbahn nicht überleben. Theoretisch können sich die Tiere auf dem großen Gelände frei bewegen. Allerdings wissen sie nur zu gut, dass alle halbe Stunde eine Gruppe Touristen mit Obst und Gemüse kommt. Geschickt pflücken die imposanten Pflanzenfresser die Lebensmittel aus unserer flachen Hand. Die Elefanten stellen sich dafür hinter einem niedrigen Zaun aus massiven Doppel-T-Trägern auf. Mehrere Pfleger achten darauf, dass es gerecht zugeht und kein Futterneid aufkommt. Nachdem die Früchte verteilt ist, dürfen wir uns den Tieren nähern, sie sogar streicheln. Die Haut ist weich und warm, fühlt sich an wie altes Leder. Auch ist sie äußerst empfindsam, erläutern uns die Pfleger. Die sensiblen Dickhäuter schälen derweil die Rinde von einigen Zweigen. Sie sind keine Wiederkäuer, können die Nährstoffe der Pflanzenkost daher nur schlecht verwerten und müssen dementsprechend viel fressen. Und schon ist die halbe Stunde rum, die nächste Gruppe kommt. Wir spulen die Strecke nach Knysna runter.

Holzhütten im Township von Knysna

In der Innenstadt von Knysna spricht uns eine ältere Frau an. Ob wir bei ihr übernachten wollen, sie hätte ein Warm Shower. Wir verstehen erst mal nur "warme Dusche"! Mitglieder von "Warm Showers"1) bieten kostenlose Übernachtungen für Radfahrer an. Peter und Colleen sind kurz vor der Rente und planen gerade eine große Tour von Europa nach Südafrika. Beim gemeinsamen Abendessen dreht sich dann auch alles um Radtouren, Ausrüstung und Erfahrungen - wie das halt so ist, wenn "Verrückte" unter sich sind;-) Die sympathischen Katzenliebhaber sind erstklassige Gastgeber. So gut wie bei ihnen haben wir auf der ganzen Tour nicht gegessen. [1: https://de.warmshowers.org]

Zuvor steht aber noch eine Township-Tour auf unserem Programm. Mit einem Minibus werden wir durch die ausgedehnten Siedlungen oberhalb von Knysna gefahren. 120.000 Menschen sollen hier leben. Im Rahmen des Reconstruction und Development Programms (RDP) baut der Staat Häuser im Township. Mandela begann damit die Holzhütten abzureißen und Steinhäuser mit 3 Räumen zu errichten. Die aktuelle Regierung baut Häuser mit 5 Räumen. Ziel ist es menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen. Dazu gehören auch eigene Schulen, Kindergärten, Bibliotheken, Polizei- und Feuerwehrstationen, sowie Straßen, Wasser und Abwasserversorgung. So wirkt das Township stellenweise wie ein normaler Vorort. Kritiker bemängeln, die geschenkten Häuser machten die Menschen faul. Andererseits hat das Apartheids-Regime bewusst die traditionellen Familien- und Dorfstrukturen auseinandergerissen, um der Industrie billige Arbeitskräfte bereitzustellen. Auch durften die Schwarzen von 1948 bis 1990 nicht frei entscheiden, wo sie wohnen wollten. Interessant ist, dass auch (schwarze) Lehrer, Polizeichefs und oder Regierungsbeamte ihre Häuser im Township bauen - ohne staatliche Unterstützung. Sprich, sie entscheiden sich aus freien Stücken im Township zu leben. 60% der Menschen sollen einen Job haben und weitere 20% selbständig sein, was in der Regel bedeutet einen Laden oder eine kleine Werkstatt im Township zu betreiben - oder Township Touren zu veranstalten. Das die Schulen in der Stadt besser sein sollen, überrascht uns nicht. Auch nicht, dass sich die Wenigsten ein Auto leisten können. So ist das Sammeltaxi das wichtigste Verkehrsmittel. Die Tour hat ein wenig Licht ins Dunkel gebracht. Wir haben viel Optimismus gespürt. Einen Glauben an die Zukunft und das die aktuellen Probleme überwunden werden können. Nelson Mandela wird über alle Maßen verehrt!

Im Knysna Elephant Park  Im Knysna Elephant Park  Neue Häuser im Township von Knysna  Laden im Township von Knysna  Laden im Township von Knysna  Knysna Heads 

Knysna - Wilderness, 79 km, 1250 hm

Stürmisches Ende

Aufgepeitschter Indischer Ozean in Wilderness

Nach wenigen Kilometern auf der N2 zweigen wir auf die 7-Passes-Route ab. Auf Schotter klettert die Nebenstraße den ersten der sieben Pässe hinauf. Dichter Laubmischwald wechselt ab mit satten Weiden, auf denen rot-braune Rinder weiden oder mit großen Traktoren Heu geerntet wird. Zu unserer Rechten erhebt sich das hier 800 m hohe bewaldete Küstengebirge. Graue Wolken hängen tief über der Landschaft und hüllen das obere Drittel der Berge ein. Mehrfach durchquert die Straße Quertäler, durch die Bäche strömen. Die Ufer sind dicht mit großen Farnen bewachsen. Uns kommen Radfahrer entgegen, die die Strecke im Rahmen einer geführten Tour erkunden. Auch ansonsten ist hier, für eine Schotterstraße, eher viel Verkehr und wir bekommen noch mal einiges an Staub ab. Der Woodville Big Tree eröffnet uns ein letztes mal die Gelegenheit die geschützten Wälder zu erkunden.

In Wilderness endet unsere Radtour durch Südafrika nach gut 1.800 Kilometern und 25.600 Höhenmetern. Keine Pannen, noch nicht mal ein Platter, hielten uns auf. Auch wir - unsere Beine und manchmal auch unsere Hände - haben alles gut überstanden. Schön war's, sehr schön!

Ruhetag

Wilderness am Indischen Ozean ist stark vom Tourismus geprägt. Aus dem gemütlichen Ruhetag am Strand wird leider nichts. Dunkle Wolken hängen über dem aufgepeitschten, schäumenden Meer. Eine durchaus dramatische Szenerie. Da es zwischenzeitlich auch heftig regnet, sind wir froh nicht mehr radeln zu müssen.

Aufgepeitschter Indischer Ozean in Wilderness  Aufgepeitschter Indischer Ozean in Wilderness

Wilderness - Cape Town , Auto: ~440 km

Mit dem Mietwagen geht es schließlich zurück nach Cape Town. Eine stressfreie, aber wenig spannende Angelegenheit. In Cape Town genießen wir zum Abschluß den Blick vom Signal Hill über die Stadt und auf den Tafelberg.

Blick vom Signal Hill auf Green Point mit dem Stadion und dem Hafen  Blick vom Signal Hill auf Cape Town und den Tafelberg