Neuseeland per Rad - Tagebuch einer Radreise

© Christian Hartmann,  ✉ 

Die Anreise

Start in Karlsruhe

Es ist Mittwoch der 6. Dezember 2006. Es ist Nikolaus, aber das ist gerade nicht wichtig. Heute geht es ans andere Ende der Welt. Heute beginnt meine Neuseeland-Reise.

Nahezu 33 Stunden mit Bahn und Flugzeug liegen hinter mir, als ich in Auckland aus dem Flugzeug steige. Karlsruhe - Frankfurt - Dubai - Singapur - Brisbane und endlich Auckland auf der Nordinsel Neuseelands. Bei meiner Ankunft bin verdammt müde und völlig erschöpft.

Die Flüge mit Emirates waren soweit angenehm, wie es Langstreckenflüge eben sein können. Das sich trotz eigenem Bildschirm für Spiele, Filme und Musik; trotz wirklich sehr gutem Essen und Service irgendwann eine gewisse Langeweile und Müdigkeit einstellt, ist aber wohl unvermeidlich. Da waren die Umsteigepausen schon fast eine erholsame Abwechslung. Meine Radschuhe mit vielen Metalösen haben mich an den Sicherheitskontrollen, die wir beim Betreten und Verlassen jedes Flughafens durchlaufen mussten, ein wenig genervt, da ich sie jedes Mal ausziehen musste. In Brisbane bin ich dann schon barfuss - mit den Schuhen in der Hand - aus dem Flugzug.

Der Flug von Brisbane nach Auckland war etwas ruppig. Daher erforderte das Ausfüllen der "Anmeldekarte" durchaus einiges an Geschick. Bei der "Anmeldekarte" geht es in der Hauptsache darum, dass über Lebensmittel oder Erde (an Schuhen, Reifen, Zelt, .) keine fremden (Mikro-)Organismen oder Krankheiten eingeschleppt werden, die die neuseeländische Flora und Fauna gefährden könnten. Diesbezüglich sind die Kiwis - wie sich die Neuseeländer, Bezug nehmend auf ihr National- und Wappentier, selber gerne nennen - sehr streng. Ist aber auch nachvollziehbar, "blinde Passagiere" aus den Ballasttanks der Ozeanfrachter haben mancherorts schon enorme Schäden angerichtet. Daher hatte ich Rad und Schuhe vorher auch gut geputzt. Die freundlichen Beamten der "Bio-Hazard-Behörde" nehmen dies durchaus anerkennend zur Kenntnis. Nur mein Zelt unterziehen sie einer besonderen Kontrolle, da ich angebe, die Heringe schon vielfach benutzt zu haben, ist aber auch o.k.

Der Shuttel-Bus (ein 9-Sitzer Kleinbus) ist schon fast voll, als ich mit meinem Rad ankomme. Der halbe Anhänger wird ausgeräumt, mein Rad rein, alles wieder eingeräumt und los geht es. Ein typisches Beispiel der (gast)freundlichen Art der Neuseeländer. Wie ein Sammeltaxis steuert der Bus die Hostels und Hotels der Fahrgäste an. Für 32 NZ$ werde auch ich direkt vor meinem Hostel abgesetzt.

Bei meiner Ankunft in Auckland es ist regnerisch und windig. Mit 19°C ist es aber recht angenehm.

Auckland

Auckland, Skytower bei Nacht

Mit der Verandahs Backpackers Lodge habe ich eine gute Wahl getroffen. Das Hostel ist sehr gemütlich und sauber, und auch die Leute sind sehr angenehm. Die Villa aus dem Jahr 1905 liegt am Western Park, von der Veranda aus hat man des Nachts einen tollen Blick auf Downtown. Vielleicht das wichtigste ist aber Campbell, der Besitzer - ein sehr angenehmer Mensch.

Zwei Tage werde ich in Auckland verbringen und erstmal meinen Jetlag auskurieren. Die Zeitverschiebung beträgt immerhin zwölf Stunden, mehr geht nicht. Auch wird man sich schwer tun eine noch größere Distanz zu Deutschland herzustellen. "Berlin 17.736 km" kann man auf einer Tafel auf der Aussichtsplattform des 328 Meter hohen Skytower lesen. Der Skytower ist das weithin sichtbare Wahrzeichen von Neuseelands größter Stadt. Erst wollte ich gar nicht hoch, 18 NZ$ (etwa 9 ?) sind halt schon eine ganz schöne Stange Geld. Einmal oben, will ich aber gar nicht mehr runter. Über anderthalb Stunden genieße ich die tolle Aussicht.

Nur einen Steinwurf vom Skytower liegt der Albert Park, eine grüne Oase mitten im Stadtzentrum (downtown). Überall liegen Jung und Alt auf den Wiesen und genießen das Wetter. Ich tue es ihnen gleich - unglaublich, wie ruhig es hier ist.

Im Auckland Museum - das völlig unpassender Weise War Memorial Museum heißt - gibt es eine große Eröffnungsparty für eine gerade vollendete Erweiterung des Museums. Ich konzentriere mich im wesendlichen auf die (sehr lohnende) Ausstellung über die Maori-Kultur.

Mit dem Explorer-Bus fahre ich weiter nach Mt. Eden, einen der 48 erloschenen Vulkankegel in Auckland. Ich bin der einzige Fahrgast und der Fahrer versteht sich auch als Reiseführer. Ich erinnere mich vor allem an die Geschichte über den One-Tree-Hill, einen anderen Vulkanhügel, dem die Irische Pop-Band U2 auf ihrem legendären Album Joshua Tree einen Titel gewidmet hat. Das Album und insbesondere das Lied One-Tree-Hill sind Greg Carroll, einem Maori aus Auckland, gewidmet, der am 3. Juli 1986 bei einem Motorradunfall in Dublin verstarb, als er im Auftrag des U2-Sängers Bono unterwegs war.

Zurück im Verandahs, kommt mir Campbell mit einigen Leuten aus dem Hostel entgegen. Es hätte ein neues Jazz-Café eröffnet, wenn ich Lust hätte, sollte ich sie doch ins One and One begleiten. Der Laden ist echt gut und auch das Bier schmeckt. Junge Musiker spielen klasse Musik. Besonders angenehm empfinde ich das absolute Rauchverbot, das für Kneipen ebenso gilt, wie für alle anderen öffentliche Einrichtungen.

Mein erstes "Souvenir" habe ich auch schon bekommen - rot, brennend und völlig kostenlos. Bei Temperaturen um geschätzte 25°C und Wind habe ich die Sonne völlig unterschätzt. Aufgrund des Ozonlochs über der Antarktis ist die UV-Strahlung in Neuseeland besonders aggressiv und Sonnenkrem/Sunblock mit Lichtschutzfaktor 30+ ratsam. Ohne diesen ist mein ganzer Kopf inklusive Kopfhaut völlig verbrannt. - Tja, manche Dinge sollte man nicht nur wissen, sondern auch beherzigen.

   

Hintergrundwissen: Maori, die Ureinwohner

Die polynesischen Maori sind die Ureinwohnern Neuseelands. Ihre Vorfahren haben vermutlich zwischen dem 8. Jahrhundert und dem 14. Jahrhundert in mehreren Wellen Neuseeland besiedelt. Sie kamen in Wakas, seetüchtigen Auslegerkanus. Ursprungsland ist in der Maori-Mythologie die Insel Hawaiki.

Heute bezeichnen sich etwa 15% der Neuseeländer selbst als Maori. Die meisten Maori leben auf der Nordinsel, die sie "Aotearoa" - "Land der langen weißen Wolken" nennen. Der Maori-König residiert in der Stadt Ngaruawahia am Zusammenfluss von Waikato und Waipa.

Trotz Anpassung an den Lebensstiel der weißen Europäer halten viele Maori an ihren Traditionen fest. Die traditionelle Weltanschauung der Maori ist animistisch geprägt - Erscheinungen in der Natur sind personifiziert und von Göttern oder Geistern beseelt. Die Holzskulpturen und geschnitzten Figuren an den Versammlungshäusern und Wakas stellen die verehrungswürdigen Ahnen dar.

Erste europäische Erforscher - wie Abel Tasman (1642) - beschrieben die Maori als ein grimmiges und kämpferisches Kriegervolk. Die Besiedlung Neuseelands durch die Europäer, Mitte des 19. Jahrhunderts, führte zu Stammeskämpfen und kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Briten. Auch unbekannte europäische Krankheiten kosteten vielen Maori das Leben. Am 6. Februar 1840 unterzeichneten 50 Maori-Häuptlinge mit den Briten den Vertrag von Waitangi. In ihm erkennen die Maori die Obrigkeit der Briten an und erhalten im Gegenzug ungetrübten Besitz von Land, Wäldern und Fischgründen.

Seit den 1960er Jahren erlebt die Maori-Kultur einen umfassenden Aufschwung.

Auckland - Miranda, 84 km

Mit dem Vorortzug geht es vom Bahnhof Britomartnahe des Ferry Buildings nach Papakura. Der Bahnhof ist ein würfelförmiger, bläulicher Glasbau. (Das historische Bahnhofsgebäude von 1930 an der Mechanics Bay ist heute eine Studentenresidenz). Die 45-minütige Fahrt führt durch wenig ansehnliche Industriegebiete.

Firth of Thames

Für mich beginnt die Reise jetzt erst richtig. Schon nach wenigen Kilometern ist das Gefühl für das voll beladene Rad da, auch auf den Linksverkehr habe ich mich schnell eingestellt. Mit Rückenwind und Sonne geht es durch welliges Farmland. Es herrscht ein durchaus reger Verkehr. Unter Radfahrern kursieren wilde Geschichten über den Fahrstiel der Kiwis, so habe ich vorsorglich meine quietschgelbe Warnweste angezogen. Bisher kann ich aber nichts Negatives über Kiwis am Steuer sagen.

Nach Clevedon lässt der Verkehr deutlich nach. Dafür nervt mich jetzt ein gummiartiges Schleifgeräusch. Etwas Öl auf die Vorradnarbe löst das Problem am Ende. Hinter Kawakawa Bay ist die erste ernstzunehmende Steigung zu überwinden. Es ist kurvig und stellenweise recht steil. Riesenfarne und Palmen bilden einen dichten und sehr beeindruckenden Wald. Auch die Strecke entlang des Firth of Thames ist klasse. Links das Meer und rechts die bis zu 700 Meter hohen Hügel der Hunua Range.

Im Waharau Regional Park mache ich eine kurze, aber schöne Wanderung, durch den "Urwald". Der Bushman-Walk (ent)führt mich eine gute Stunde lang in eine Welt aus dichter Vegetation, die bestimmt ist von Farngewächsen. Auf der Wiese neben dem Info-Gebäude steht ein besonders schöner Pohutukawa-Baum.

Danach weichen Wald und Hügel zurück und machen einer Marschlandschaft Platz. Ein Paradies für Vogelkundler. Für mein Empfinden heute nur der zweitschönste Teil der Strecke.

In Kaiaua tanke ich erst mal meinen Kocher voll.

Mein Tag endet heute im Miranda Holiday Park. 18 NZ$ ist recht teuer für einen Campingplatz, aber der heiße Pool rechtfertigt den Preis. Ich bin richtig geschafft und freue mich auf die erste Nacht im Zelt. Das Bad im heißen Mineralwasser tut richtig gut. An den Schwefelgeruch hat man sich schnell gewöhnt.

   

Hintergrundwissen: Flora und Fauna

Die Tier- und Pflanzenwelt Neuseelands gehört zu den außergewöhnlichsten der Erde, da die Inselgruppe schon seit sehr langer Zeit von allen anderen Landmassen getrennt ist und sich die Vegetation unabhängig entwickeln konnte. Etwa 85 % der neuseeländischen Pflanzenarten sind endemisch.

Kiwis sind flugunfähige, nachtaktive Vögel in den Wäldern Neuseelands. Der Kiwi ist das National- und Wappentier Neuseelands und abgeleitet die Eigenbezeichnung der Bewohner Neuseelands.

Miranda - Coromandel Town, 96 km

Ich habe geschlafen wie ein Stein. Schon früh am Morgen ist draußen ein "Höllenlärm". Schon gestern auf dem Bushman-Walk ist mir aufgefallen, wie viele Vögel es hier gibt. Es zwitschert und zirpt in jeder Ecke. Es geht ein moderater Wind und ein paar (angenehme) Wolken hängen am Himmel. Ich habe gelernt und trage erstmal Sonnenschutz auf.

Der Highway 25 ist, sagen wir mal, belebt. Anders als gestern fahren hier auch schwere LKW, daher bin ich recht dankbar für den Seitenstreifen. Landschaftlich ist es eher unspektakulär, Weiden mit Palmen drauf, im Hintergrund Schwemmland. Ich lasse es laufen. In der Nähe von Thames rücken die Berge der Coromandel-Halbinsel immer stärker ins Blickfeld.

Coromandel, Westküste

In Thames gönne ich mir Cappuccino und Muffin zum zweiten Frühstück. Das dem Info-Center angeschlossene Café ist recht gemütlich. Es sitzen haufenweise Rucksacktouristen (backpacker) rum. Um 10 Uhr fährt der Bus und es wird leer. Thames selber ist ein netter kleiner Ort mit einigen schönen Gebäuden aus der Goldgräberzeit, die hier im Jahr 1867 begann.

Aber ich suche nach der wilden, unberührten Natur. Und nach wenigen Kilometern werde ich fündig. Die Westküste der Coromandel-Halbinsel ist super schön! Die Straße folgt kurvenreich dem Küstenverlauf. Links ist das türkise Meer immer nur einige Meter entfernt, rechts ragen Felswände direkt neben der Straße auf. Pohutukawa-Bäume bilden über weite Strecken einen dichten Wald, rahmen die Straße immer wieder tunnelartig ein.

Die öffentlichen Klos entlang der Küste sind durchweg sehr sauber, ich bin beeindruckt! Die letzten Kilometer vor Coromandel Town sind steil. Mit dem Kereta Hill ist mal wieder ein 200 Meter-Hügel zu überwinden, dem gleich ein Zweiter, gleichen Kalliebers, folgt. Schon zuvor, auf den letzten flachen Kilometern, hat sich Gegenwind eingestellt. Kurz vor Coromandel Town halte ich an einem kleinen Fischladen. Ich bin hungrig und alles sieht sehr lecker aus, leider ist dem Laden kein Café angeschlossen, wie ich es gehofft hatte.

Erschöpft und hungrig komme ich in Coromandel Town an. Ein großer Joghurt und ein Liter O-Saft bringen mein Hirn wieder ins Lot. Dann halte Ausschau nach einem Café. Ich lande im Umu, wo ich einen super leckeren Lachskuchen esse.

In der Tui Lodge kann ich für 12 NZ$ mein Zelt im Garten aufschlagen. Ich kann sogar noch in die Sauna gehen. Soll zwar eigentlich 5 NZ$ kosten, doch für einen verschwitzten Radfahrer ist es kostenlos. In der Küche komme ich mit dem jungen Kalifornier Atak ins Gespräch, der auch mit dem Rad unterwegs ist.

       

Coromandel Town - Hahei Beach, 75 km

Ich starte gemeinsam mit Atak. Der Himmel ist bedeckt und es geht ein guter Wind. Der Anstieg zum Whangapoua Hill ist nach rund 4 Kilometern geschafft, wenn das mit den 370 Höhenmetern stimmt, entspricht das einer mittleren Steigung von  über 9%. So sind wir auch den Berg hoch gekrochen, mit 6 bis 8 km/h. Oben gibt es einen Aussichtspunkt, wegen der dunklen Wolken ist die Sicht aber nicht so beeindruckend - bei gutem Wetter sieht das wahrscheinlich ganz anders aus. Bergab hänge ich mich hinter einen LKW, lasse ihn das Tempo machen und kann noch etwas den "Dschungel" links und rechts genießen. Whitianga, Hafen

Es folgt ein Stück frisch aufgeforsteter Kauri-Wald. Noch sieht es nicht so doll aus, aber wenn die 20.000 Bäume mal groß sind, ist es bestimmt toll. In Matarangi verlassen wir den Highway 25 für einen Abstecher auf der kleinen geschotterte Straße Nr. 309. Es macht Spaß auf der schmalen und kurvigen Schotterpiste über die Hügel zu sausen. Dazu kommen einige ganz tolle Ausblicke. Die Küste ist vulkanisch geprägt. Eine kurze Wanderung gibt uns die Gelegenheit, die Felsen aus nächster Nähe zu betrachten. Die Strukturen sind schon sehr fesselnd.

Bis Whitianga bleiben uns die dunklen Wolken treu, aber regnen tut es nicht. Wir dürfen noch mal die kleinen Gänge auflegen. Dann klart es unvermittelt auf und die Sonne kommt raus. In Whitianga führt der erste Weg zum Radladen. Atak muss sein Hinterrad neu zentrieren lassen. Das Bianchi hat er für 100 US$ in Kalifornien "geschossen". Die Kette quietscht und das Hinterrad ist auch mit viel Mühe nicht mehr 100%ig zu richten. Ich habe so meine Zweifel, ob sein Rad die ganze Tour durchhält. Ich war mit einem Mountainbike unterwegs. 36 Speichen und breite Schwalbe Marathon Reifen sorgten für ein ruhiges Gefühl, wenn die Strecke mal etwas rauer wurde.

Vom Hafen aus bringt uns eine kleine Personenfähre in kaum 3 Minuten nach Cooks Beach. Ich suche noch nach dem besten Punkt für mein Foto, da ist Atak schon weg. So stelle ich mein Rad ab und erkunde einige Wanderwege (walks). Auf dem Campingplatz in Hahei Beach treffen wir uns wieder.

       

Hahei Beach - Kajaktour

Cathedral Cove, Seekajaks

Heute tausche ich das Rad gegen ein Seekajak von Cathedral Cove Sea Kayaking. Die Kajaktour ist ein Traum! Nach einer kurzen Einweisung und einigen Trockenübungen geht es raus nach Motueka Island. Die vorgelagerte Insel ist vulkanischen Ursprungs. Der Guide erzählt uns die Maori-Sage vom Seefahrer Kupe, der um 925 n. Chr. von der sagenhaften Insel Hawaiki kam und hier als erster Mensch Neuseeland erreichte. Er nannte es "Aotearoa" - "Das Land der langen weißen Wolken". Kupe musste dort mit einem riesigen Tintenfisch kämpfen und kehrte dann nach Hawaiki zurück. Als zweiter soll 225 Jahre später Toi, ein Häuptling aus Hawaiki, nach Neuseeland gelangt sein und dort die erste Maori-Siedlung gegründet haben. Erst viel später, im Oktober 1769, erreichte James Cook mit seiner Endeavour Neuseeland und hisste hier in der Mercury Bay die englische Flagge.

Die neue Perspektive ist toll! Ich sauge die Eindrücke in mich auf wie ein trockner Schwamm. Dazu kommt ein sagenhaft blauer Himmel. Besser geht's nicht! Auch über den Pohutukawa-Baum, den die Neuseeländer auch "Weihnachtsbaum" nennen, da er im Dezember blüht, erfahre ich etwas Neues. Diese Bäume sind die Einzigen, deren Wurzeln stark genug sind, um vulkanisches Gestein zu sprengen und somit in ihm Halt zu finden. Dies erklärt die hauptsächliche Verbreitung auf der Nordinsel.

Wir umrunden Motueka Island vollständig und paddeln durch eine Felsgrotte. Dann geht es zu Cathedral Cove und Mare's Leg Bay, wo wir eine halbe Stunde Pause machen. Zeit zum Fotografieren, Schwimmen und Sonnen. Das Wasser ist frisch, aber super. Unser Guide verwöhnt uns mit Cappuccino und Plätzchen. Entlang der Küste geht es über Stingray Bay und Gemstone Bay zurück nach Hahei Beach. 75 NZ$ sind nicht zu viel für das tolle Erlebnis.

       

Hahei Beach - Waihi Beach, 115 km

Hot Water Beach

Hot Water Beach ist nur wenige Kilometer von Hahei Beach entfernt. Hier heizt der Vulkanismus Wasser im Boden so stark auf, dass es bis an die Erdoberfläche quillt. Bei Ebbe kann man in einem etwa 100 Meter langen Strandabschnitt - mit etwas Glück - auf diese heißen Quelle stoßen, wenn man im Sand gräbt. Ich leihe mir eine Schaufel aus und versuche mein Glück. Am Ende mache ich mit einem Holländer; einer Kanadierin und einer Isländerin einen großen Pool. Schon eine lustige Sache. An einigen Stellen ist das Wasser so heiß (bis 64°C), das man sich kaum hinsetzen kann.

Dann geht es ins Landesinnere. Kuhweiden im Vorder- und die Berge der Coromandel Range im Hintergrund. Am Berg überhole ich einen farbigen Radler, der aus der Nähe von Frankfurt kommt. Er hat sich ein Jahr "Auszeit" genommen, in dem er Neuseeland mit dem Rad bereiset. In Tairua gibt es einen Supermarkt - ich lege eine Pause ein und stärke ich mich. Am zweiten Berg treffe ich zwei Schweizer - ein Pärchen auf MTBs. Sie wollen in 6 Wochen die Nordinselumradeln. Er macht "Wheelies", fährt auf dem Hinterrad den Berg rauf und runter. Und das mit einem voll beladenen Rad. Es gibt schon schräge Typen!

Kurz vor Whangamata kaufe ich Mandarinen vom Erzeuger. Superlecker! InWhangamata verbringe ich eine Stunde am Strand. Ein Rentnerpaar fordert mich auf, doch auch ins Wasser zu kommen. Nach einigem Zögern versuche ich es. Schön, dass es schon viel wärmer ist als gestern, trotzdem halte ich es nicht sehr lange aus. Whangamata ist ein aufgeräumtes Städtchen, das vor allem von sonnenhungrigen Rentnern bevölkert wird.

Es folgt ein weiterer anstrengender Berg. Es kühlt ab. Als ich des Abends im Holiday Park von Waihi Beach ankomme, bin ich völlig platt. Das Örtchen hat seine beste Zeit wohl schon hinter sich, aber der Zeltplatz ist schön gelegen und sauber.

   

Waihi Beach - Mt. Maunganui, 80 km

Das Fahren auf dem berüchtigten Highway 2 macht keinen Spaß, der Seitenstreifen ist schmal und der Verkehr nicht ohne. Aber es ist Samstag und so sind nur wenige LKW unterwegs. Wegen des Gegenwindes brauche ich für die gut 60 km bis Tauranga gute drei Stunden und das, obwohl ich richtig Gas gebe. Allerdings sind meine Beine auch noch schwer, von der langen Tour gestern. Vor Tauranga kaufe ich frische Erdbeeren - die ich noch an Ort und Stelle vernasche - und Honig, in einem Farmladen.

Die Freude über das Ortsschild Tauranga hält nicht lange an, denn jetzt wird es noch mal richtig "lustig". Es gibt keine Alternative zum zweispurigen, autobahnähnlichen Expressway. Zum Glück herrscht eine Tempolimit von 80 km/h und kein Hochbetrieb. Trotzdem habe ich genug, als ich mich bis ins Stadtzentrum durchgewuselt habe. Dort fahren junge Kiwis mit ihren getunten Karren auf und ab - es dröhnt und knattert höllisch laut.

Mt. Maunganui

Vor einem Café steht ein Rad mit einem B.O.B-Yak-Anhänger. Es gehört Uwe aus Würzburg. Er ist 44 Jahre alt und hat seinen Bauplatz verkauft, um neun Monate mit den Rad durch Neuseeland zu touren.

Die Uferfront von Tauranga ist ganz nett, Café an Café. Durch das wenig berauschende Hafengebiet geht es raus nach Mt. Maunganui. Auch hier ist ordentlich was los. Mir fällt ein Waka, ein traditionelles Maori-Kanu auf, das auf einem Anhänger neben der Straße steht. Ich bin neugierig und frage, was es damit auf sich hat. Neugierde an der Maori-Kultur wecken, so könnte man es zusammenfassen. Ich erfahre, dass jeder Maori-Stamm spezifische Schnitzereien hat, in deren Mittelpunkt immer die Ahnen stehen.

Mt. Maunganui ist einer der beliebtesten Badeorte Neuseelands, das Mallorca der Kiwis sozusagen. Ich schlage mein Zelt auf dem Campingplatz auf und verbringe den Nachmittag am Strand.

Kurz vor neun versammelt sich jung und alt zum Weihnachtsfeuerwerk. Es geht sehr familiär zu, an vielen Stellen wird gepicknickt. Mir fallen mehrere ältere Ehepaare auf, die in ihren Campern sitzen, Karten spielen, lecker essen oder gemütlich Wein trinken. Die Kleinen toben am Strand. Es werden "Lighties" verkauft, Dinge die blinken oder leuchten, ein Mordsspaß für die Kids. Und dazwischen: Weihnachtsmänner! Das Feuerwerk wird von einem Boot aus abgeschossen. Ich habe eine Menge Spaß, auch - oder gerade weil - es auch etwas schräg ist. Danach strömt Alles in die Cafés und Kneipen. Für viele wird es wohl eine lange Nacht. Aber ich bin müde und liege um 22 Uhr im Schlafsack.

Mt. Maunganui - Rotorua, 80 km

Tauranga, Stadtverkehr

Im Sommer besteht eine Fährverbindung zwischen Mt. Maunganui und Tauranga. Leider wird der Betrieb erst ab dem 28. Dezember wieder aufgenommen.

Also geht es wieder durch das Gewerbegebiet und den Harfen nach Tauranga und dann, den Weg halb ratend, halb wissend, durch die Stadt Richtung Süden. Im Countdown-Supermarkt kaufe ich ein. Als ich alles in meinen Taschen verstaue, werde ich von einem älteren Mann angesprochen. Er hatte an meinem "Nordschwarzwald-Marathon"-Trikot erkannt, dass ich aus Deutschland komme. Er ist vor 45 Jahren von Berlin nach Tauranga ausgewandert und freut sich, mal wieder ein paar Worte deutsch zu sprechen. Seine Frau spricht nur Kiwi - so nennen die Neuseeländer ihre Art Englisch zu reden.

Ich bin erleichtert, als ich endlich auf Highway 36 bin, auch wenn dort deutlich mehr Verkehr herrscht, als ich erwartet hatte. Das kleine Örtchen Pyes Pa ist die letzte Siedlung mit Einkaufsmöglichkeiten, bis Rotorua gibt es jetzt nur noch verstreute Bauernhöfe und kleine Ansiedlungen. Ein Wegweiser zu ". Gardens" macht mich neugierig. In Schottland verbergen sich dahinter oft großartige Gartenanlagen mit Pflanzen aus aller Welt, angelegt von Gartenenthusiasten mit "zu viel" Geld. Hier handelt es sich um eine Gärtnerei. Der Besitzer freut sich über mein Interesse und zeigt mir stolz seinen Landen. Dann reden wir über Sport. Fischen - Segeln - Kricket - Rugby sei die Reihenfolge der populärsten Sportarten in Neuseeland. Im Anschluss lässt er sich über das Wetter aus, den kalten Winter und das kalte Frühjahr, das sie dieses Jahr hatten. Und bevor ich weiter fahren darf, muss unbedingt noch eine Mountain Papaya probieren - lecker.

Auf dem weiteren Weg macht mir das kleine Ritzel das Leben unnötig schwer. Die Kette springt ab und klemmt sich böse zwischen Kettenblatt und Kettenstrebe ein. Ich finde heraus, dass ich beim Wechseln der Ritzel das Kleine falsch montiert hatte. Der Fehler beim Einbau des Ritzels ist recht einfach behoben. Zu dumm, dass sich beim Einklemmen der Kette, ein Kettenglied böse verbogen hat. Mit Inbusschlüssel und Zange kann ich es wieder richten. Es bleibt aber ein ungutes Gefühl zurück, eine Unsicherheit, ob die Kette nach der Reparatur noch voll belastbar ist - sie wird die Tour aber klaglos überstehen.

In Rotorua steuere ich das Central Rotorua Backpacker an. Der Weg wird mir liebevoll von einer Familie erklärt. Eigentlich ist es eher eine Diskussionsrunde, Vater und Tochter sind sich nicht so ganz einig, wo es genau liegt.